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Referent: Prof. Dr. Spannagel
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4
EXCHANGE
MUENSTER IN WESTFALEN
UNIV. BIBLIOTu"
^ Vorwort.
Die Anregung zu dieser Arbeit verdanke ich dem Vor-
sitzenden der Burschenschaf tlichen historischen Kommission Herrn
Geh. Hofrat Prof. Dr. Haupt in Gießen, der mich auch in jedem
Stadium der Arbeit in liebenswürdigster Weise mit Rat und
Tat unterstützt hat. An Archiven waren mir zugänglich das
k. k. Hof- und Hauptstaatsarchiv in Wien, das Kgl. Preußische
Geheime Staatsarchiv in Berlin, das Egl. Sächsische Hauptstaats-
archiv in Dresden, das Leipziger Universitätsarchiv und das
Archiv der Deutschen Burschenschaft in Gießen, wofür an dieser
Stelle nochmals Dank ausgesprochen sei. Nicht an letzter Stelle
«ei auch dem verehrten Referenten Herrn Prof. Dr. Spannagel
in Münster gedankt, dessen wohlwollende Ratschläge das Ge-
lingen der Arbeit förderten.
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Inhaltsverzeichnis.
I. Die Universität Leipzig zu Beginn des 19. Jahrhunderts und die
Gründung der Leipziger Burschenschaft 1
n. Die Burschenschaft bis zur Ermordung Kotzebues (23. März 1819)
und ihre Streitigkeiten mit den Landsmannschaften 16
lU. Die Blütezeit der Leipziger Burschenschaft 1819/20 und die erste
Untersuchung • . 26
IV. Die Burschenschaft bis zum Odenwalder Burschentag und der
zweite Bruch mit den Landsmannschaften 42
y. Die Beziehungen der Leipziger Burschenschaft ziun Geheimen Bund
und die Untersuchung von 1823 48
VI. Neue Untersuchungen und Selbstanzeige der Burschenschaft . . 56
VII. Neuorganisation 1827 und innere Streitigkeiten 60
Vni. Die Germanistische Burschenschaft und die Leipziger Unruhen von
1830 66
IX. Von 1830 bis 1833 70
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L Die Universität Leipzig
zu Beginn des 19. Jahrhunderts und
die Gründung der Leipziger Burschenschaft
Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts wax das studentische
Gemeinschaftsleben der deutschen Universitäten durch eine selt-
same und fremdartige Kurve seines Entwicklungsganges in ganz
neue Bahnen gelenkt worden, die ihm einen Charakter aufprägten,
der zwar mit dem augenblicklichen Geistesleben dieser Zeit
übereinstimmte, aber seiner eigenen Tradition und Geschichte
in keiner Weise entsprach. Die Ordensverbindungen, die seit
1770 in wenig Jahren zum beherrschenden Mittelpunkt des
studentischen Lebens geworden waren und die Landsmann-
schaften bis zur völligen Vernichtung zurfickdrängten, stellen
mit ihren freigeistigen und mystischen Ideen ein völliges Novum
in der Geschichte des studentischen Lebens dar und sind eben
nur aus den besonderen geistigen Strömungen des „Jahrhunderts
der Aufklärung" heraus zu erklären. Die Niederlage dieser
Ideen ist auch die ihrige. Mit dem Rückschlag, der unmittelbar
nach dem Höhepunkt dieser Bewegung, nach den Jahren der
französischen Revolution Platz greift, verschwinden sie in kürzester
Zeit wieder, ohne tiefergehende Spuren zu hinterlassen.
Zu den wenigen Universitäten, wo sich die Orden noch
längere Zeit über die Jahrhundertwende hinaus halten, gehört
neben Wittenberg auch Leipzig. Hier bestanden die Amicisten^
Unitisten und Konstantisten, die noch mehrere Jahre lang die
tonangebende Rolle innerhalb der Studentenschaft spielten.
Zwischen Leipziger Ordensmitgliedem und Hallenser Landsmann-
schaften! kam es 1801 in Leipzig zu einer Schlägerei, die dazu
führte, daß die Universität Leipzig von den Hallenser Studierenden,
denen sich auch die Jenaer anschlössen, in Verruf gesteckt
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— 2 —
wurde, bis sie sich 1803 durch eine propatria-Suite von sechs Paaren
aus demVermf herauspaukte. Hierbei standen den sechs Hallensem
von Leipzig aus drei Ordensmitglieder von den ünitisten and
drei Landsmannschafter gegenüber. Infolge der tragischen Um-
stände — eine der Partien verlief tödlich — kam es zu einer
Untersuchong des Universitätsgerichts, die für die nächste Zeit
das Korporationsleben unterdrückte.
Erst 1807 finden sich wieder neue Landsmannschaften, und
zwar Meißner, Lausitzer und Thüringer. Jetzt ändert sich auch das
Bild. Während bisher Orden und Landsmannschaften in Frieden
nebeneinander gelebt hatten, beginnen jetzt die letzteren einen er-
bitterten Kampf, der mit der Vernichtung der Orden endigt
Etwa von 1810 an haben im Leipziger Studentenleben die Lands-
mannschaften vollkommen das Heft in der Hand und beherrschen
die ganze übrige Studentenschaft unumschränkt.
Lidessen wie sich gegen die Vorherrschaft der Ordens-
verbindungen bald eine Eeaktion geltend gemacht hatte, so auch
den Landsmannschaften gegenüber. Diese hatten sich durch die
Übernahme des Hallenser Komments, dessen unbedingte Durch-
führung sie mit allen Mitteln anstrebten und als dessen einzige
Vertreter sie sich aufwarfen, eine weitgehende Jurisdiktion über
die gesamte Studentenschaft angemaßt. Da sie nun nicht sehr
zahlreich waren und auch nicht gerade die vornehmsten Ele-
mente zu den Ihrigen zählten, so konnte es nicht fehlen, daß
sich dagegen Widerspruch erhob. Eine „Coterie" junger kd-
liger ^) widersetzte sich ihrem Vorgehen, und es kam nun zwischen
beiden Teilen zu einem Machtkampf. Auf der Kirmes zu Lindenau
am 28. Oktober 1810 setzten die Streitigkeiten zwischen beiden
Parteien ein, worauf die Adligen den Landsmannschaften die Satis-
faktion verweigerten. Diese sprachen daraufhin den Verruf über
die „adelige Fechtbodengesellschaft" aus und teilten ihn auch
den übrigen Universitäten mit. Der Verruf wurde überall an-
erkannt, nur Wittenberg, wo noch einzig und allein die Orden
^) Die Inscriptionsliste des Wintersemesters 1810/11 weist anter 64
Namen 18 Adlige auf, darunter allein 8 aus Polen und Schlesien.
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herrschten, stellte sich anf die Seite der Adligen — wohl mehr
ans Oppositionsgeist gegen die Landsmannschaften als aus Sym-
pathie für erstere — . Auch eine persönliche Reise des Thüringer-
seniors Theodor Körner^) und des Lausitzers Merbach
dorthin, um die Anerkennung des Verrufs auf dem Wege per-
sönlicher Überredung zu erreichen, vermochte kein besseres Er-
gebnis zu erzielen. Mittlerweile herrschte in Leipzig der Knfippel-
komment, wobei die Landsmannschaften, von denen die Meißner
unterdes wieder verschwunden waren, die Oberhand behielten.
Die „adelige Fechtbodengesellschaft^ wußte sich schließlich nicht
anders zu helfen, als indem sie sich mit einer Aufdeckung der
gesamten Verhältnisse an den akademischen Senat wendete,
wobei natfirlich in dieser Denunziationsschrift ihre Gegner be-
sonders schlecht wegkamen. Darauf schritt die Universitäts-
behörde ein, relegierte die Hauptanftthrer beider Parteien, darunter
auch Theodor Körner, und belegte die übrigen mit längeren
Karzerstrafen. Diesen Maßregeln folgte dann die Auflösung
sämtlicher Landsmannschaften, von denen nur die Lusatia im
Geheimen weiterbestand. Auch die „adelige Pechtbodengesell-
schaft^' scheint sich infolge dieser Vorgänge aufgelöst zuhaben;
wenigstens hören wir von ihr nichts weiter.
So war das erste Vorgehen gegen die willkürliche Allein-
herrschaft und den landschaftlichen Partikularismus der Lands-
mannschaften vollkommen mißglückt. Dieselbe Idee, die wenige
Jahre später siegreich durchdringen sollte, hatte hier gänzlich
Fiasko gemacht Diese überraschende Wandlung innerhalb
kurzer Zeit erklärt sich aber sehr einfach. Einmal hatte dieser
erste Versuch eine exklusiv - aristokratische Tendenz, während
der Burschenschaft ein demokratischer Zug innewohnte : der All-
gemeinheit der Studierenden aber konnte man füglich bei diesem
Vorgehen nicht entbehren. Daneben aber noch weit stärker ein
anderes Moment: eine Überwindung der Landsmannschaften
^) Ober Theodor Körner als Student vgl. Zamcke, Kl. Schriften Bd. 2
S. 100-118; Akad. Monatshefte 1887/88 S. 321— 824; 1892 S. 253— 256;
Borschenschaftl. Blätter 1891 5. Jahrg. S. 269—276. Landsmannschaft!.
Correspondenz 1898/99 S. 157—164, 179^180, 199-201.
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war nur durch die Überwindung des landsmannschaftlichen Sonder-
geistes möglich. Aber erst die hervorbrechende Vaterlandsliebe
und das Nationalbewußtsein der Befreiungskriege führten die
Studentenschaft dahin, diesen partikularistischen Anschauungen
den Krieg zu erklären und sich in der Burschenschaft eine Ver-
körperung des großen einheitlichen Nationalgedankens zu schafEen.
Daran aber war 1811 nicht zu denken.
Von den Wirren und Fährnissen der Napoleonischen Kriegs-
jahre wurde auch die Universität Leipzig stark in Mitleiden-
schaft gezogen. Die Stadt war ein Hauptetappenplatz der Fran-
zosen, die hier unumschränkt schalteten und walteten. Dabei
gerieten sie sehr bald in Konflikte mit der selbstbewußten und
freiheitsliebenden akademischen Jugend. Schon 1809 hatten
Beibungen zwischen beiden Parteien stattgefunden, und seitdem
wurde das Verhältnis immer gespannter. Es kam zu öfteren
Pistolenduellen zwischen französischen Offizieren und Leipziger
Studierenden, die manche Opfer forderten und die gegenseitige
Erbitterung steigerten. Die französischen Beamten griffen nun
zu Gewaltmaßregeln. So wurden bereits 1812 den Studenten
alle Waffen, besonders Schläger und Rapiere, abgefordert,
„Studierende, die das Unglück hatten, im Gedränge auf den
Straßen einen französischen Offizier nur etwas unsanft zu be-
rühren, wurden sofort arretiert, tagelang auf den Wachen oder
sonst eingesperrt, und wohl gar mit Stockschlägen von diesen
humanen, zivilisierten und polierten Herren bedroht."*) Noch
weiter ging der französische Marschall Arrighi, Herzog von
Padua, der 1813 Stadtkommandant war. Wegen der „illoyalen
Haltung der Hochschule" entzog er der Studentenschaft die
akademische Gerichtsbarkeit und stellte sie unter die städtische
Polizeigewalt. Napoleon selbst ließ sich bei seinem Aufenthalt
in Leipzig aufs bitterste gegen die Universität aus. Die Lehrer
nannte er „Dluminanten und Pedanten", die Studenten „Schul-
knaben, die noch deklinieren und konjugieren lernen sollen".
Alle diese Maßregeln waren natürlich nur geeignet, den Haß
in der Studentenschaft noch mehr zu entflammen. So konnte
^) Krug, An meine Zuhörer S. 15.
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es nicht fehlen, daß im Befreiungskriege eine große Anzahl von
Leipziger Studierenden in den Beihen der Verbündeten kämpfte.
Nach der Schlacht bei Leipzig trat das sächsische Volk nun
vollkommen auf die Seite der nationalen Idee. Die Truppen
wurden reorganisiert und den Armeen der Verbündeten zugeteilt.
Hand in Hand damit ging die Errichtung einer Landwehr und
eines „Banners der freiwilligen Sachsen^, der ähnlich wie die
Lützower ein Sammelpunkt der geistigen Elite des Volkes werden
sollte. Der patriotische Leipziger Professor Traugott Wilhelm Krug
— der Rektor der Leipziger Universität des Kriegsjahres 1813 — ,
der selbst als einer der ersten in den „Banner^ eintrat, richtete
eine feurige Ansprache an seine Zuhörer „und die Studierenden
in Leipzig überhaupt", in der er ihnen zurief: „Sollte diesem
hohen Rufe nicht jeder waffenfähige Jüngling und Mann willig
folgen, da es die Verteidigung und Erhaltung alles dessen gilt,
was einem Volke teuer sein muß, seiner Ehre, seiner Freiheit,
seiner Sitte, seiner Sprache, seines Wohlstandes, kurz alles dessen,
was dem Leben seinen Wert gibt?"
Indes bald änderte sich diese Stimmung. Die Ursache hierzu
lag einerseits in dem harten Druck der Behörden der Verbün-
deten, der auf dem Lande lastete; weit schwerwiegender aber
war die Entstehung der „sächsischen Frage". Es zeigte sich
bereits 1814, daß der Weiterbestand des Königreichs Sachsen
bedroht war. Zwar hatte sich zunächst der russische Kaiser
Alexander I. für die Integrität des Landes ausgesprochen, aber
seine Anschauungen erlitten bald eine Wandlung. Preußen ver-
langte für seine ungeheuren Opfer eine territoriale Entschädigung
und erblickte in Sachsen eine willkommene Abrundung seines*
Gebiets. Es kam am 6. November 1814 zu einer Abmachung
zwischen Friedrich Wilhelm III. und Alexander L, derzufolge
der letztere die preußischen Pläne zu fördern versprach. Diesem
Beginnen aber traten im weiteren Verlaufe der Ereignisse
Österreich, England und Frankreich auf das energischste ent-
gegen. Preußen mußte seine Ansprüche herabmindern und er-
hielt scUießlich im Wiener Frieden nur drei Fünftel des säch-
sischen Gebietes.
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In Sachsen stieß natürlich auch dieser Vertrag aof den
heftigsten Widerspruch. Der König Friedrich August HL mußte
erst durch Drohungen der Großmächte genötigt werden, den
Vertrag zu unterschreiben, und auch im Volke war die ganze
nationale Begeisterung mit einem Schlage verflogen und machte
einem erbitterten Partikularismus Platz. „Das spezifisch säch-
sische Augenmaß war bald in Anwendung, und die Eegierung
ging hierin, wie erklärlich, mit gutem Beispiel voran". ^) Ihren
bezeichnendsten Ausdruck fand diese Gesinnung in der Meuterei
der sächsischen Truppen in Lüttich am 2. Mai 1816.
Nicht zum mindesten prägte sich dieser Stimmungswechsel
in der Studentenschaft aus. Der sächsische Partikularismus nahm
sie gänzlich gefangen, und alle die patriotischen Einheitsideen,
die die Grundlage des burschenschaftlichen Gedankens bildeten,
erstarben in dem Groll über die Teilung. So war die Gründung
der Burschenschaft, die in Jena 1815 entstand, trotz der mannig-
fachen und engen Wechselbeziehungen beider Universitäten zu-
nächst wenigstens in Leipzig ausgeschlossen. Im Gegenteil
erstarkte an diesem Partikularismus der landsmannschaftliche
Geist nur noch mehr.
Die natürliche Folge dieser Tatsachen war es, daß nach
Wiedereintritt des Friedens auf der Leipziger Universität die
Landsmannschaften ihre Herrschaft wiederum aufnahmen. Zu-
nächst noch vollkommen unumschränkt, ohne daß auch nur der
geringste Einfluß der burschenschaftlichen Idee fühlbar geworden
wäre. Sie ließen es nicht an Tatsachen fehlen, ihr partikularistisches
Sachsentum zu dokumentieren. Als am 7. Juni der schwer-
geprüfte König in seine Hauptstadt zurückkehrte, reisten gegen
400 Studenten, darunter zahlreiche Landsmannschafter, nach
Dresden, um an den Einholungsfeierlichkeiten teilzunehmen. Am
18. Juni besuchte Friedrich August auch Leipzig, wobei die Lands-
mannschaften ihm einen feierlichen Fackelzug mit anschließen-
dem Kommers darbrachten.
Dementsprechend war die Stellung der Leipziger Studenten-
schaft dem preußischen Staate und seiner Regierung gegenüber
^) Böttiger-Flathe, <3teschichte Sachsens Bd. 3 S. 862.
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eine äußerst feindliche. Als die Huldigung für Friedrich Wil-
helm m. in Merseburg stattfand, beschloß eine Anzahl Leipziger
Studenten, an dieser Feier sich zu beteiligen. Dagegen wandten
sich die Leipziger Landsmannschaften, indem sie in sämtlichen
Hörsälen folgende Warnung anhefteten, die bezeichnend ist für
die Herrschaft, die der S. C. über die gesamte Studentenschaft
ausübte:
„Da in Erfahrung gebracht worden, daß eine Anzahl
hiesiger Studierender den Einfall gehabt haben, am künftigen
3. August nach Merseburg zu ziehen, um an den dasigen, zur
Huldigung des Königs von Preußen stattfindenden Festlichkeiten
teilzunehmen, und so dem Ausdruck, der bei den solennen Aufzügen
zu Dresden und Leipzig gezeigten Vaterlandsliebe und An-
hänglichkeit an ihren König geradezu zu widersprechen, so sieht
sich der übrige Teil der Universität, sowie auch ein großer
Teil der preußisch Gewordenen, um dieser Inkonsequenz vor-
zubeugen, genötigt, den etwaigen Urhebern dieses Unternehmens
und überhaupt allen daran Teilnehmenden diesen Zug streng zu
untersagen, wenn sie sich nicht unangenehmen Folgen aussetzen
wollen, die unausbleiblich entstehen würden.
Leipzig, 26. Juli 1815.
Franconia. Lusatia. Saxonia. Montania.'^
Trotz dieser dem Einheitsgedanken so überaus schädlichen
Strömung begannen schon nach kurzer Zeit die Versuche, gegen-
über den herrschenden landsmannschaftlichen Tendenzen auch
in Leipzig die allgemein uationale Idee, wie sie sich in der
Burschenschaft ausprägte, zur Durchführung zu bringen. Es
sind auch innerhalb der Leipziger Landsmannschaften zweifellos
Elemente vorhanden gewesen, die solchen Bestrebungen günstig
gegenüberstanden. Derartige Einflüsse haben sich besonders in
die Augen fallend im Winter 1816 bei der Lusatia geltend ge-
macht, die damals in ein Kartellverhältnis zur Teutonia in Halle
trat. Diese Hallenser Verbindung ist eine von jenen tJber-
gangsverbindungen, in denen sich in allmählichem Werden der
Geist der Burschenschaft herauskristallisierte. Indem Vertrage, der
am 7. September 1815 geschlossen wurde, machte sich die Teutonia
anheischig, der Lusatia allen notwendigen Beistand zu leisten,
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falls sie in Leipzig eine allgemeine Verbindung stiften wolle.
^Es ist daber jede Verbindung, welche in Leipzig auftreten will,
um eine allgemeine Verbindung zu stiften, verbunden, dies der
Lusatia anzuzeigen und die entworfene Konstitution zur Prüfung'
vorzulegen; nicht allein deswegen, weil die Lusatia die älteste
Verbindung ist, sondern auch, weil sie zuerst den Wunsch
geäußert und dahin gewirkt hat, eine allgemeine
Verbindung zustande zu bringen". Daß es sich bei dieser
in Aussicht genommenen allgemeinen Verbindung um einen be-
wußten Gegensatz zur landsmannschaftlichen Bewegung und um
ein Übergangsstadium zur Burschenschaft handelt, geht auch
aus dem Artikel IQ hervor, wo es heißt: „Sollte hinf&ro eine
allgemeine Verbindung in Leipzig zustande kommen, so ver-
einigen sich beide Verbindungen dahin, daß dieselbe einen
allgemeinen und keinen von einer einzelnen Pro-
vinz Deutschlands hergenommenen Namen und also
auch keinen Namen von den jetzt bestehenden vier Landsmann-
schaften in Leipzig führen soll">)
Nach diesem Kartellvertrag muß es wohl als unzweifelhaft
erscheinen, daß in der Lusatia eine starke, mit der burschen-
schaftlichen Idee sympathisierende Strömung bestand. Vielleicht
war es damals nahe daran, daß auch in Leipzig, wie es in Jena
bereits der Fall war, die Landsmannschaften in eine „allgemeine
Verbindung" aufgingen, indessen hat diese Bewegung doch zu-
nächst keinerlei praktisches Ergebnis gehabt. Es kam dazu, daß
die Entwicklung der Teutonia durch das am 13. März 1816 ab-
geschlossene Kartell mit der Jenaischen Burschenschaft ein
rascheres Tempo annahm, dem man vielleicht in Leipzig nicht
folgen konnte oder wollte. Hier stagnierte im Gegenteil nach
diesem ersten Anlaufe vorläufig die Entwicklung. Während des
ganzen Jahres 1816 ist kein Anzeichen einer hervorbrechenden
burschenschaftlichen Strömung bemerkbar; ruhig, ohne Störungen
floß das studentische Leben dahin. Die Landsmannschaften übten
noch immer die unbedingte Herrschaft aus, während die übrigen
Studenten eine willen- und interesselose Masse bildeten. Erst
^) Abgedruckt bei Andree, Geschichte des Korps Lusatia zu Leipzig.
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— 9 —
das allmähliche Umsichgreifen der Burschenschaft auf deutschen
Universitäten sollte auch in Leipzig einen weiteren Anstoß
geben.
Auf die Dauer allerdings mußte der Einfluß der nahe ge-
legenen Universitäten Jena und Halle, wo die Burschenschaft
schon in voller Blüte stand, sich doch auch auf der sächsischen
Landesuniversität geltend machen. Gegenseitige Besuche und
Einladungen von Studierenden führten zu einer Ideeneinwirkung,
die in Leipzig allmählich den Boden für die Gründung der
Burschenschaft bereitete. Bei der großen Feier des Wart-
burg f e s t e s ^) am 18. Oktober 181 7, die die national empfin-
dende Jugend aller deutschen Hochschulen in Eisenach ver-
einigte, fanden sich auch Leipziger Landsmannschafter ein. Der
Leipziger S. C. hatte auf die Einladung der Jenenser Burschen-
schaft den Beschluß gefaßt, eine Deputation abzusenden, zu der
von der Lusatia Linnstedt und SeyfEerth, von der Saxonia Rainer
und HofEmann gehörten.^) Die Leipziger wurden sehr freundlich
und ehrenvoll aufgenommen, Linnstedt wurde sogar bei dem
Pestzuge der Posten eines der vier Burgmänner zugewiesen, die
den Burgwart Riemann begleiteten.
In einem späteren Brief der Lusatia an die Jenenser
Burschenschaft dankte erstere für die freundliche Aufnahme und
Behandlung ihrer Deputierten. Sie versprach auch, an der in
Jena zu gründenden Burschenzeitung ^) sich als Mitarbeiter und
Abnehmer zu beteiligen. Damit war auch die Periode der
Stagnation an der Leipziger Universität überwunden. In ein-
zelnen Kreisen der dortigen Landsmannschaften gewann die
^) Die Literatur über das Wartbargfest siehe bei Erman und Hofd,
Bibliographie der deutschen Universitäten Bd. 1 S. 673-677 Nr. 14419 bis
14489.
^ Daß der Thüringersenior Elster Mitglied dieser Deputation gewesen
ist, wie er in seinen Erinnerungen („Fahrten eines Musikanten'', heraus-
gegeben von Bechstein, Bd. 1 S. 131 u. 136) angibt, ist falsch. Elster ver-
wechselt das Wartburgfest mit der im nächsten Frühjahr stattfindenden
Gründung der allgemeinen Burschenschaft.
») Über dieses Projekt der ersten deutschen Studentenzeitung vgl.
Haupt, Karl Folien und die Gießener Schwarzen, Gießen 1907, S. 38 Anm.
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— 10 —
borschenscliaftliche Idee von neuem Einfloß und Anhänger. Dabei
blieben diese Kreise wohl in st&ndiger Berfihrung mit Jena.
Anders wenigstens ist es nicht zu erklären, wenn bereits am
21. Februar 1818 die Jenenser Burschenschaft an den Leipziger
S. C. ein Schreiben sandte mit der Aufforderung, sich aufzulösen
und in Leipzig eine allgemeine Burschenschaft zu gründen. Man
wußte eben in Jena, daß eine starke burschenschaftliche Strömung
bestand.
In Leipzig war die Stimmung sehr geteilt Nach längeren
Verhandlungen, wozu mehrere Seniorenkonvente notwendig waren,
kam der S. C. zu einem sonderbar gekünstelten Eompromißvor-
schlag. Er lehnte zwar die Gründung einer Burschenschaft in
Leipzig ab, schlug aber den Abschluß eines Kartells zwischen
der Burschenschaft in Jena und dem S. C. in Leipzig vor.
Außerdem entsandte er zu den Verhandlungen über die Grün-
dung einer allgemeinen deutschen Burschenschaft nach Jena
zwei Abgesandte, die Senioren der Saxonia, Lange, und der
Thmingia, Elster — ersterer Anhänger des landsmannschaftlichen
Gedankens, letzterer der burschenschaftlichen Strömung — .
Diese beiden Vertreter hatten unbedingte Vollmacht, das Kartell
abzuschließen, während ihnen jedes Mandat für den Anschluß
an die Burschenschaft ausdrücklich verwehrt war.^)
Diese Teilnahme an den Jenaer Versammlungen sollte nun
— ganz entgegen der zurückhaltenden Absicht der Leipziger
Landsmannschaften — eine weitere Förderung der burschen-
schaftlichen Idee in Leipzig herbeiführen und den Anstoß zur
Gründung der Burschenschaft selbst geben. Der sieghaften Kraft
der burschenschaftlichen Überzeugung gelang es, Elster voll-
kommen für die Ziele der Burschenschaft zu gewinnen. Er ging
von Jena fort mit dem Versprechen, alle seine Kräfte daran
zu setzen, in Leipzig eine Burschenschaft aufzutun.
Bin Brief des Jenenser Burschenschafters Witte an Wessel-
höft*) berichtet darüber;
^) Mainzer- Zentral -Untersuchangskommission, Spez.-Ber. XXI betr.
Leipzig § 1—2.
*) G. H. Schneider, Die Burschenschaft Germania zu Jena S. 65.
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— 11 —
„Die Leipziger kamen als echte Landsmannschaftler
her, aber wenigstens einer ging mit dem ernsten Willen
zu bessern wieder fort".
Elster hatte in Jena das Versprechen gegeben, die Gründung
der Barschenschaft in die Wege zu leiten, und als er in die
sächsische Landesaniversität zarückgekehrt war, ging er an die
Arbeit, der von ihm vertretenen Idee Anhänger und feste Organi-
sation zu geben. Er selbst berichtet darüber in seinen Lebens-
erinnerungen ^) folgendes :
„Als ich in Leipzig anlangte, hatten wegen der
Herbstmesse^) die KoUegia noch nicht begonnen; ich
zog nach Gohlis in ein Bauernhaus, um ganz ungestört
zu sein, und dort entwarf ich nun Plan auf Plan für
die zu begründende Leipziger Burschenschaft und ver-
tiefte mich so sehr in meinen für hochwichtig gehaltenen
Tatendrang, daß ich den Anfang der" Eollegia gar nicht
beachtete, und keins besuchte. Bastlos warb ich unter
den Studenten für meine Absicht, doch ging es nicht
so rasch, wie ich geglaubt hatte; die Landsmannschaften
hielten treulich zu ihren Fahnen, nur einzelne Studenten
sagten sich mir zu, und ich sah mich größtenteils auf
meine eigene Landsmannschaft, die Thuringia, be-
schränkt und hingewiesen. So versammelte ich denn
eines Tages diese, und eröffnete ihr Wunsch und Plan,
uns als Burschenschaft aufzutun. Mein Vorschlag fand
Beifall, um so mehr, da die von mir aus den andern
Landsmannschaften heimlich Angeworbenen tüchtige und
respektierte Schläger waren, und so wurde denn unsere
Farbe gegen das schwarz-rot-goldne Band vertauscht,
und der Burschenwahlspruch: Gott, Freiheit, Ehre,
Vaterland! freudiglich angenommen".
Schon aus dieser kurzen persönlichen Darstellung gehen die
Schwierigkeiten hervor, mit denen Elster zu kämpfen hatte.
1) Bechstein a. a. 0. S. 144 f.
1 Hier irrt sich der Verfasser, wie bereits oben nachgewiesen wurde.
Es muß beißen .Frühjahrsmesse*.
Leonhardt. 2
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— 12 —
Er mußte die ganze Sache vorläufig sehr heimlich betreiben, da
sich innerhalb der einzelnen Landsmannschaften noch erhebliche
Widerstände zeigten. Der Leipziger S. C. kam sogar in einer
Sitzang vom 26. Mai 1818 zu folgendem schroff ablehnenden
Eeschloß :
Durch heutigen resp. S. C. wurde durch allgemeinen Be-
schluß nochmals festgesetzt und bestimmt, daß, solange in
Leipzig Landsmannschaften bestehen, keine Burschenschaft oder
eine Verbindung unter anderem Namen hier errichtet oder zu
konstituieren gestattet werden soll: woraus für jede Lands-
mannschaft die Verbindlichkeit hervorgeht, kräftig dagegen zu
wirken.
V. Seckendorff, Senior der Lausitzer.
Laqge, Senior der Sachsen.
Uhlmann, Senior der Montanen.
Elster, Senior der Thüringer.
Wenn nun auch Elster diesen Beschluß mit unterschrieben
hatte, so gab er doch seine Absicht nicht auf. Nachdem er
seine eigene Landsmannschaft (vermutlich gerade in diesen Tagen)
für seine Pläne gewonnen hatte, wandte er sich nach Jena, da
er ohne die dortige Unterstützung nicht auszukommen glaubte.
Zu diesem Zweck unternahm er in den letzten Tagen des Mai
mit mehreren Freunden und Anhängern eine Reise nach Jena.
Diese Eeise nach Jena bildet das entscheidende Moment
in der Gründungsgeschichte der Burschenschaft in Leipzig. Aus
sich allein heraus die Burschenschaft ins Leben zu rufen, dazu
waren die Leipziger studentischen Kreise, die diesen Ideen
huldigten, zu schwach; sie brauchten eine tatkräftige Unter-
stützung von auswärts, eine Unterstützung, die vor allem mit
den Erfahrungen der Praxis ihnen helfend zur Seite stand.
Diese aber fanden sie in Jena, dem Haupt- und Mittelpunkt
4er burschenschaftlichen Bewegung.
In Jena wurden die Leipziger Studenten ob ihres Vor-
liabens natürlich mit Freuden aufgenommen. Wegen des Zweckes
ihrer Reise verhandelten sie mit der Behörde der Burschen-
schaft, dem „VorsteherkoUeg". Die genauen Aufzeichnungen
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— 13 —
tiber diese Verhandlungen sind noch erhalten^) und gewähren
«in anschauliches Bild der Vorgänge. Es heißt da:
Öffentliche Sitzung gehalten am 31. Mai 1818.
. . . Der Sprecher trug vor, mehrere Leipziger Studenten
seien angekommen, welche uns bei Errichtung einer Burschen-
schaft in Leipzig um Bat fragen und uns um unsere Konstitution
bitten wollten. Der Vorstand beschloß, die bemerkten Leipziger
Bursche vorzubescheiden und sie um ihren Auftrag zu befragen.
Es erschienen auf die an sie geschehene Bitte folgende
Leipziger Bursche: I. Kotzebue, U. Elster, III. Haupt, IV.
Loth, V.Schulze, VI. Geyer, VE. Beyer, Vin. Dombois,
IX. Erhardt, X. Koch, XI. Geuthner und trugen vor, wie
sie den ersten Schritt zur Errichtung einer Burschenschaft getan
und uns um eine Form bitten. Die Thüringer haben sich dort
Aufgelöst, von den Lausitzern sind mehrere ausgetreten; viele
in den Landsmannschaften sind gewonnen, obgleich die übrigen
Landsmannschaften zusammenstehen. Lange, der sich bei seinem
Hiersein beim Burschenkonvent so gut zu machen schien, soll
der hofierte Gegner einer Burschenschaft in Leipzig und sein
hier getanes Versprechen, für das Gute zu wirken, bloß in der
Trunkenheit getan zu haben vorgeben. Die Landsmannschaften
haben sich unterzeichnet, nie eine Burschenschaft dort auf-
kommen zu lassen, weshalb sieh die Thüringer aufgelöst. Von
den Sachsen soll der Senior derselben. Lange, der Einzige sein,
der dem Aufkommen der Burschenschaft entgegen wäre; der
ehemalige Sachsen-Senior, Steinert, soll auch gewonnen sein.
Aber Lange soll auch die Montanen noch bestimmen, sich gegen
die Burschenschaft zu erklären. — Der Vorstand beschloß, den-
selben die Protokolle der Abgeordneten- Versammlung, den Brief
derselben an die anderen Universitäten und die von der Jena-
ischen Burschenschaft festgestellten 19 Punkte mitzugeben; er
riet ihnen diese Sachen womöglich einer allgemeinen Versamm-
lung in Leipzig vorzulesen und sie zu einer Konstitution zu
bereden.
^) Protokolle des Vorsteherkollegs der Jenaischen Burschenschaft
1817—1819, Großherzogl. Staatsarchiv zu Weimar B. 2856 S. 43—45.
2»
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— 14 —
öffentliche Sitzung gehalten am 1. Jnni 1818.
Die im gestrigen Protokoll bemerkten elf Leipziger Burschen
erschienen. Der Vorstand übergab ihnen die alte Constitatioii
unserer Burschenschaft, die Protokolle der Abgeordnetenver-
sammlung nebst dem Schreiben derselben an auswärtige Uni-
versitäten, sowie die 19 dort vorgelesenen Punkte.
Mit diesem Bescheid wurden die Leipziger entlassen. Zar
Unterstützung und Hilfe bei der Konstituierung der Burschen-
schaft in Leipzig gingen mit ihnen eine Anzahl von Jenenser
Burschen, die dann auch bei der Gründung ihre tätige Mit-
wirkung liehen. Auf das eingehendste orientiert über die Rück-
reise nach Leipzig ein Stammbuchblatt des Jenenser Studenten
Anton Haupt, das 1820 bei diesem, als er in Bonn studierte,
beschlagnahmt wurde. Haupt berichtet darin, wie eine Anzahl
Jenenser Burschenschafter — er nennt Graf Keller, Graf Bocholz,
V. Gagem, Wesselhöft, Porsche, Buttmann, Wächter und sich
selbst — mit nach Leipzig zogen, um dort bei der Errichtung^
der Burschenschaft mitzuhelfen und den Boden dafür ebnen zu
helfen.
Diese von dem preußischen Staatskanzler Fürst Hardenberg:
an die sächsische Regierung gesandte Darstellung ^) der Gründung^
der Leipziger Burschenschaft wird auch durch anderweite Zeugen
bestätigt. Elster*) führt in ähnlicher Weise die Reise nach
Leipzig und die dort erfolgte Ausarbeitung einer Konstitution
aus, wenngleich seine Schilderung infolge der Länge der ver-
flossenen Zeit . oft verschwommen, andererseits auch wohl zum
eigenen Ruhme ausgeschmückt und von einer gewissen Ver-
ärgerung über den weiteren Verlauf durchtränkt ist
Nach Verhandlungen mit den drei Landsmannschaften
Lusatia, Saxonia und Montania, die sich auf einen schroff ableh-
nenden Standpunkt stellten, beschloß man nunmehr, die Burschen-
schaft zu errichten. Es wurde von den Jenensern und Leipzigern
zunächst eine Konstitution ausgearbeitet, wobei es — wenn man
^) Acta betr. den stud. Anton Haupt aus Wismar. Kgl. Geh. Staatsarch.
zu Berlin Rep. 77 XXI. Fol. 201 S. 171.
•) a. a. 0. S. 146ff.
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— 15 —
den allerdings oft unzuverlässigen Angaben Elsters trauen darf
— zu heftigen Debatten zwischen beiden Teilen kam, weil die
Jenenser die Eigenheit der Leipziger Universität nicht genügend
berücksichtigten. Die Meinungsverschiedenheiten wurden jedoch
ausgeglichen. Sehr gefördert wurden die Bestrebungen auch
durch die Universitätsbehörden. Der damalige Rektor Bosen-
müller war ein äußerst liberal denkender Mann, der viel Sym-
pathien für die Idee hegte. Der bereits erwähnte Witte schreibt
darüber:^)
„... Der Rektor Rosenmüller ist sehr wacker und
durch Briefe von Fries, Luden und Kieser von dem wich-
tigen Stand der Sachen in einer Burschenschaft unter-
richtet worden".
In einer allgemeinen Versammlung, die im Gasthaus zur
grünen Linde stattfand, wurde am Morgen des 12. Juni 1818
die Konstitution bekanntgemacht. Der stud. v. Ende hielt
«ine Rede, worauf die Leipziger Burschenschaft gegründet wurde.
Es traten ihr sogleich 255 Mitglieder bei.^) Am Abend fand
sodann der feierliche Gründungskommers statt, bei dem zum
ersten Male das später so bekannt gewordene Lied vonHinkel:
^Wo Mut und Kraft in deutscher Seele flammen" ertönte.*)
') Mainzer Zentral -üntersachuDgskommission, Spez.-Ber. XXI betr.
Leipzig § 9.
') BruchmüUer, Neue Beiträge zur Geschichte der ältesten Leipziger
Burschenschaft Neues Archiv für sächsische Geschichte XXXI, 1. u. 2. Heft
S. 100. Nach dem Bericht Wesselhöfts in den VorsteherprotokoUen der
Jenaischen Burschenschaft waren es 235.
') Dieses Lied hat merkwürdige Verwandlungen durchgemacht. Karl
Hinkel gab 1816 einen Gedichtband »Erste Saitenklänge* heraus, worin sich
die erste Fassung als »SachsenUed* befindet. Die Abweichungen des Textes
von den im Kommersbuch vorliegenden, sind — abgesehen von einigen un-
bedeutenden, welche den Inhalt nicht weiter berühren — folgende. Der
Schlußvers des Refrains lautet:
»Für Lieb und Ruhm in Kampf und Tod zu gehn**.
In der vierten Strophe gilt dem Sinne gemäß der Schwur nicht dem Bunde«
4Sondem dem Könige:
»So schwört es laut bei unserm blanken Schwerte,
dem König treu im Leben wie im Tod*".
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— 16 —
Wenn als Gründnngstag bisher^) stets der 7. Juni angegeben
worden ist, so stimmt dies nicht
In einem vom 11. Juli 1818 datierten Briefe, der an sämtliche
deutsche Burschenschaften gerichtet gewesen zu sein scheint^
und eine Darstellung der Streitigkeiten mit den Landsmannschaften
enthält, teilt „die Leipziger Burschenschaft" mit, daß die Grün-
dung am 12. Juni stattgefunden habe, daß indessen „wegen
mehrerer Gründe" der 7. Juni als Grttndungstag angesetzt worden
sei.*) Welches diese „mehreren Gründe" gewesen sind, l&ßt sich
allerdings nicht feststellen.
2. Die Burschenschaft bis zur Ermordung
Kotzebues (23. März 1819) und ihre Streitigkeiten
mit den Landsmannschaften.
So war die Leipziger Burschenschaft — unähnlich den
Jenenser Verhältnissen — im Gegensatz zu den Landsmann-
schaften ins Leben getreten. Dieser Gegensatz war auch be-
stimmend fttr das gesamte äußerliche Leben in der ersten Zeit
nach der Gründung. Es lag auf der Hand, daß die Landsmann-
schaften — entsprechend ihrem Beschlüsse vom 26. Mai — zum
schärfsten Widerspruche angeregt werden mußten, und daß es
infolgedessen zu fortwährenden Reibereien kam, bei denen der
„Knüppelkomment" herrschte. Verschärft wurde das Verhältnis,
noch dadurch, daß die Burschenschafterfarben schwarz-rot-gold^
die natürlich auch die Leipziger Burschenschaft annahm, hier
Demgemäß schließt das Lied auch mit den Versen:
.Noch einmal ruft, Saxonias wackre Brüder,
dem König heil und heil dem Vaterland''.
Ganz unähnlich der heutigen Gestaltung ist nun die zweite Strophe:
»Weiß, wie des Königs Haupt, ist unser Zeichen
Und grün das Band, das uns're Brust umzieht,
Grün wie das Laub von deutschen Eichen,
Grün, wie die Hoffnung, die im Herzen glüht/
Vgl. darüber Burschenschaftl. Blätter 4. Jahrg. S.-S. 1890 Heft 9/10 S. 264.
^) Auch bei Bruchmüller a. a. 0. S. 100.
') Mainzer Zentral-Untersuchungskommission, Spez.-Ber. XXI betr.
Leipzig § 9.
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— 17 —
bereits von der Landsmannschaft Montania getragen wurden, die
dann 1819 andere Farben anlegte.
Diese Reibereien dauerten den ganzen Monat Juli hindurch.
Die Leipziger Burschenschaft wandte sich schließlich zur Schlich-
tung dieser unerquicklichen Verhältnisse durch Elster und Haupt
nach Jena. In den Vorsteherprotokollen heißt es darüber:
Öffentliche Sitzung am 29. Juni 1818.
Der Vorstand versammelte sich, um zwei Leipziger Ab-
geordnete, die Vorsteher Haupt und Elster, zu befragen, was in
Bezug auf die Skandale mit den Landsmannschaften zu tun sei,
da sie die Äußerung getan haben, daß sie die Burschenschaft
in Leipzig nicht anerkennen würden.
Es wurde beschlossen, durch zu erwählende Bevollmächtigte
mit den Landsmannschaften zu unterhandeln und sie zu fragen :
Da sie die Burschenschaft überhaupt anerkennen, warum sie die
Leipziger Burschenschaft nicht anerkennen wollten?
Im Falle, daß die Leipziger Landsmannschaften sich nicht
auf die Vermittlung einlassen wollten, sollten sie von der
jenaischen Burschenschaft gefordert werden. Diese Forderung
geht gegen jeden einzelnen Landsmannschafter, dem dann einer
aus der Burschenschaft gestellt wird. Die Bevollmächtigten
fordern sogleich.
Zu Bevollmächtigten wurden Gagern, Haupt und Wesselhöft
vorgeschlagen. Auch sollten von den Bevollmächtigten zugleich
die Leipziger Senioren gefragt werden, ob die Äußerung, daß
der jenaischen Burschenschaft die Manschetten vor ihnen
wackelten, von ihnen allen oder einem einzelnen oder einer Ver-
bindung ausgegangen sei, worauf dann eine Forderung erfolgen
müßte.
In einer zweiten Sitzung wurde allerdings die Vollmacht der
Vertreter eingeschränkt, insofern als sie keinen Auftrag zu Forde-
rungen erhielten, außerdem wurde an Stelle Wesselhöfts
Rödiger zum Abgesandten erwählt.
Die Verhandlungen zwischen beiden Teilen waren indes er-
folglos, und am 2. Juli erließ die Burschenschaft einen Anschlag
am schwarzen Brett, worin sie die Landsmannschaften in Verruf
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— 18 —
erklärte.^) Diese erließen am nächsten Tage eine Gegenerklärang,
worin sie zunächst den Sprecher der Burschenschaft SeySerth
wegen Ehrenwortbruchs in perpetuellen Verruf erklärten") und
weiterhin auch ihrerseits den Verruf gegen die andere Partei
aussprachen, „da von uns aus allein nur ein gültiger Verschiß
verhängt werden kann". Die Jenenser Abgesandten kehrten
nach ihrer Heimatsuniversität zurfick und beschlossen in einer
Vorsteherversammlung am S.Juli, den Verruf gegen die Leipziger
Landsmannschaften anzuerkennen.
Die Stellung der Leipziger Landsmannschaften in diesen
Verhandlungen weist einen merkwürdigen Widerspruch auf. Sie
erkannten die Leipziger Burschenschaft nicht an ; die allgemeine
Burschenschaft aber — deren Mitglied doch die Leipziger war —
hatten sie bereits anerkannt. So war auch ihre Stellungnahme
gegenüber der Vorsitzenden Jenenser Burschenschaft eine wesentlich
andere. Seyfferths Verruf wurde am 9. August der Jenaischen
Burschenschaft mitgeteilt. Als die Jenenser sich dem Verruf der
Leipziger Burschenschaft anschlössen, erklärten sich die Leip-
ziger Landsmannschaften in einem Briefe vom 17. August bereit,
sich aus dem Jenenser Verruf herauszupauken. Daraus läßt sich
wohl schließen, daß die Leipziger Landsmannschaften an sich
dem Burschenschaftsgedanken nicht unbedingt feindlich gegen-
überstanden, daß sie sich nur gegen die Art und Weise der
Gründung der Leipziger Burschenschaft wandten.
Die Erregung unter den beiden streitenden Teilen der
Leipziger Studentenschaft erreichte naturgemäß durch diese Ver-
rufserklärungen den höchsten Grad. Es kam zu andauernden
Krawallen und Aufläufen, die manchmal beinahe zu kleinen
Straßenkämpfen ausarteten. Der Kreishauptmann v. Einsiedel
berichtete darüber am 6. Juli an die Regierung. Er befürchtete
Unruhen, „da die Burschenschaft sich durch Jenenser und
^) über die VerrufserkläxuDg siehe den Bericht der Mainzer Zentral-
Untersuchungskommission XXI betr. die Leipziger Burschenschaft § 7.
^ Er sollte angeblich die geheimen Zeichen der Lusatia, deren Mitglied
er gewesen war, verraten haben, reinigte sich aber später vor einem Ehren-
gericht von diesem Vorwurf.
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— 19 —
Hallenser zu verstärken trachte".*) Auch der Bericht des Rektors
der Universität Bosenmfiller bat um schleunige Maßregeln. Die
Leipziger Behörden hielten die Sachlage für so ernst, daß sie
am 12. Juli mit dem Kommandanten der Garnison eine Beratung
ttber die event. zu ergreifenden Maßregeln abhielten, zumal eine
Umfrage bei den Schwertfegem ergeben hatte, daß seit Anfang
Juli eine lebhafte Nachfrage nach Dolchen bestehe.
Als die Verhältnisse sich nun derart zugespitzt hatten, daß
ein Eingreifen der Behörden unausbleiblich schien, versuchte die
Burschenschaft dies zu verhindern. Zu diesem Zwecke begaben
sich noch am 12. Juli die Abgeordneten der Burschenschafter zum
Rektor [E^osenmüller, legten ihm die Statuten der Burschenschaft
vor und versicherten, daß von ihrer Seite keine Unruhen ausgehen
würden. Aber die Beruhigungsmaßregel konnte jetzt die Ein-
leitung des drohenden Verfahrens nicht mehr hintanhalten.
Am 22. Juli erfolgte eine Anzeige des Universitätsaktuars
Mirus, „daß bei dem Bierschenken Johann Georg Gretschel an
der Ecke der Ritterstraße neben dem Kaufmann Engelmann die
Burschenschaft gewöhnlich zusammenkomme und in der Stube
ihre Anschläge und Patente affligiere". Auf diese Anzeige hin
wurde am 24. Juli dort eine Haussuchung vorgenommen und An-
schläge gefunden, die das Bestehen der Burschenschaft un-
zweifelhaft erwiesen, so Aufnahmegesuche „in die deutsche
Burschenschaft der Hochschule Leipzig" und angesetzte Klassen-
versammlungen. Die Behörden hatten damit genügendes Material
in der Hand. Dazu kam weiterhin noch, daß die Landsmann-
schaften die Verrufserklärung der Hallenser Burschenschaft den
Universitätsbehörden übergaben und somit die Überbringer an-
zeigten.
Zu Strafmaßregeln kam es allerdings vorläufig noch nicht;
das einzige war, daß am 31. Juli durch einen Anschlag der Uni-
versitätsbehörden erneut ein königliches Reskript vom 9. De-
zember 1811 eingeschärft wurde, das Studentenzusammenkünfte
^) Akten des ehemaligen Kriminalamts Leipzig Nr. 4, Kgl. Hauptstaats-
arch. zu Dresden Rep. I 2919. Ebendaraus die folgende Darstellung bis
S. 20 unten.
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— 20 —
jeglicher Art verbot. Trotzdem bestanden die Verbindungen mhig'
weiter, und die Barschenscbaft veranstaltete am Namenstage des
Königs (3. Angnst) nach vorheriger Anmeldung beim Polizei-
präsidenten V. Hackel einen Zug von Schleußig aus nach der
Stadt, wo sie „an der Statue des Königs auf der Esplanade^
ein Yivat ausbrachten. Infolge der Überwachung durch die Be-
hörden legten sich auch die Gegensätze äußerlich, so daß der
Polizeipräsident am 24. August an die Regierung nach Dresden
berichten konnte, daß unter den Studenten vollkommene Ruhe
herrsche.
Die Ruhe war jedoch nur äußerlich. Die Erbitterung glühte
im geheimen weiter und brach bei der nächsten Gelegenheit
wieder hervor. Am 1. September kam es im „Boseschen Garten"
zu einem Streit zwischen dem „Burschen" Zander und dem
„Antiburschen" Fuhrmann, wobei der letztere zu Tätlichkeiten
grifE. Im Verfolg dieses Streites brachen am Abend Unruhen
vor dem Eßlokal der Burschenschaft zwischen beiden Parteien
aus. Die Universitätsbehörde ergrifE aber diesmal sehr ent-
schiedene Maßnahmen : bereits am 2. September wurden Zander
und Fuhrmann mit dem consilium abeundi belegt.
Dieser Vorfall zeigte, daß die Ruhe unter der akademischen
Jugend noch keineswegs hergestellt war. Auch der Polizei-
präsident V, Rackel hielt die Lage immerhin noch für bedenklich,
und als die Leipziger Garnison — ein Jägerbataillon — zu den
Herbstmanövern ausrückte, bat er für diese Zeit um Zuweisung
einer Abteilung Militär. Auf seinen Antrag wurde dann ein
Ulanendetachement von einem Offizier und 30 Mann der Leipziger
Polizeibehörde zur Verfügung gestellt. Um die unruhigen Köpfe
der Studierenden nicht noch rebellischer zu machen, wurde die
Abteilung nach Taucha verlegt, wurde aber für die Tage vom
19. bis 2 I.September — am 20. feierte der König sein Regierungs-
jubiläum — nach Leipzig hineingezogen. Erst als das Jäger-
bataillon ans dem Manöver zurückkehrte, rückte dieses De-
tachement wieder nach seiner Garnison Rochlitz zurück.
Über die innere Organisation und das Wesen der Burschen-
schaft in dieser ihrer ersten Zeit sind wir leider nur wenig unter-
richtet. Die Verfassungsurkunde ist uns erhalten ; sie findet sich
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— 21 —
abgedruckt im Anhange des noch zu erwähnenden Buches von
Leopold Haupt: „Landsmannschaften und Burschenschaft" .^)
Sie ist natürlich, da nach dem Muster der Jenaischen gearbeitet,
dieser sehr ähnlich, weist aber doch einzelne Verschiedenheiten
auf. Die wichtigste, die vielleicht einen Wink für die Zusammen-
setzung der Mitglieder bietet, ist die starke Betonung des reli-
giösen Moments. Es spricht sich das schon in dem Wahlspruch
der Leipziger Burschenschaft aus, die als einzige „Gott, Freiheit,
Ehre, Vaterland ! " hat. Im übrigen entspricht die Leipziger Ver-
fassung der anderer Universitäten. Es bestand ein Vorstand aus
neun Mitgliedern und drei Anwarten, die sich in die einzelnen
Geschäfte teilten, ein Ausschuß, dessen Mitgliederzahl sich nach
den Abteilungen richtete, und als letzte Instanz die allgemeine
Versammlung. Zur Vermeidung von Zweikämpfen bestand ein
Vermittlungsausschuß, doch war das Duell nicht unbedingt ver-
boten, selbst innerhalb der Burschenschaft grifE es manchmal Platz.
An Quellen über das Leben innerhalb der Burschenschaft
besitzen wir mehrere: die bereits erwähnten Schilderungen von
Elster und Haupt sowie eine Autobiographie von Karl August
V.Hase, dem späteren berühmten Kirchenlehrer. Allerdings
sind nicht alle drei von gleicher Objektivität und Glaubwürdigkeit,
sondern im Gegenteil als geschichtliche Quellen von wesentlich
verschiedenem Werte.
Die El st ersehe Lebensbeschreibung ist schon an früherer
Stelle als unzuverlässig gekennzeichnet worden. Der Verfasser
steht bei seiner Sehilderung nicht über den Verhältnissen, sondern
in ihnen. Wir müssen uns bei seiner Beurteilung der burschen-
schaftlichen Verhältnisse folgendes vergegenwärtigen. Elster
hatte gehofft, in der neuen Burschenschaft eine tonangebende
Rolle spielen zu können, aber durch den Eintritt hervorragender
Naturen war er in den Hintergrund gedrängt worden. Sein
Stolz und seine Eitelkeit waren dadurch tief gekränkt worden,
und dies trübte ihm den objektiven Blick, so daß wir seine
^) Landsmannschaften und Burschenschaft. Ein freies Wort über die
geselligen Verhältnisse der Studierenden auf den teut sehen Hochschulen.
Von Joachim Leopold Haupt, Altenburg 1820.
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— 22 —
Schrift nicht als eine zuverlässige Gteschlchtsquelle betrachten
können.
Ganz in demselben Maße müssen wir andererseits auch Haap t s
Urteil das stärkste Mißtranen entgegenbringen. Dieser war aas
einem Landsmannschaftler ein begeisterter Burschenschafter ge-
worden, der einen glühenden Haß gegen alles landsmannschaft-
liche Wesen hegte. Seine Schrift „Landsmannschaften and
Burschenschaft^ ist ein Ausfluß dieser Sinnesart, und man kann
darin nur eine Apotheose des einen Teiles auf Kosten des anderen
erblicken. Seine Schilderungen der Eorpspartei sind daher höchst
einseitig und gehässig und können in keiner Weise zur Beur-
teilung der damaligen Verhältnisse herangezogen werden. Da
er außerdem die besonderen Leipziger Verhältnisse nie schildert,
sondern stets nur die Allgemeinheit im Auge hat, kann man
füglich sein Werk als Quelle kaum ansprechen.
Zwischen diesen beiden Beurteilem bildet Hase in seiner
Selbstbiographie „Ideale und Irrtümer^ die Mitte und ist auch
als die einzige objektive und für die Geschichtsschreibung brauch-
bare Quelle anzusehen. Wohl war er selbst Burschenschafter
und vertrat in jeder Hinsicht die burschenschaftlichen Ideale
und Anschauungen, aber sein Urteil der damaligen Verhältnisse
ist klar und von keiner törichten Überschätzung der eigenen
Partei beeinflußt: er erkennt sehr wohl ihre Fehler und hält
auch mit seinem Tadel darüber nicht zurück. Auch über die
Landsmannschaften urteilt er vollkommen unparteiisch und läßt
ihnen Gerechtigkeit widerfahren, was in der Neuzeit selbst von
korpsstudentischer Seite ^) anerkannt worden ist.')
Hase trat gerade um diese Zeit — zu Michaelis 1818 — in
die Burschenschaft ein. Das von den akademischen Behörden
ergangene Verbot der Verbindungen kann nicht allzu scharf
gehandhabt worden sein, denn beide Teile bestanden ruhig
weiter, wenn auch einige Vorsicht geübt wurde. So verlegte
die Burschenschaft jetzt ihre Versammlungen auf die benachbarten
^) Fabricias, Die deutschen Korps S. 307.
^) Diese Ausführungen nach Leonhardt, Aus den Jugendtagen der
Leipziger Burschenschaft. Burschensch. Blätter W.-S. 1909/10 Heft 12 S.273
bis 275, S.-S. 1910 Heft 1 S. 1—3.
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— 23 —
Dörfer, und Hase selbst wurde in Stötteritz in einer Versammlung^
aufgenommen. Er hat zwei Jahre in der Burschenschaft gelebt
und in dieser Zeit wohl ein gründliches Urteil erlangt. Seine
Darstellung läßt den Idealismus klat erkennen, der im Verlauf
des nationalen Aufschwungs jener Tage die burschenschaftlichen
Kreise beherrschte. Daß sich in diesen Idealismus mancherlei
andere Bewegungen hineinmischten, eine übertriebene Deutsch-
tümelei, war ja ein Fehler, aber wie Hase sagt, „dennoch war
es ein ideales Jugendleben, auch in seiner verkümmerten Wirk-
lichkeit".
Der Druck, der von seiten der Behörden ausgeübt wurde^
war keineswegs ^ stark. Die Burschenschaft hielt ruhig ihre
Auszüge und Kommerse: so genehmigte am 4. November der
Rektor einen Auszug nach Stötteritz unter Seyfferths Führung.
Am 21. November wurde auf der großen Funkenburg ein Kommera
gefeiert; auch hierzu hatte der Eektor die Erlaubnis nicht ver-
sagt.^)
Die immer noch unter der Oberfläche vorhandene Erregung
brach aber von Zeit zu Zeit wieder aus. So kam es Ende
November zu einem Skandal. Die Ursache hierzu bot ein Schau-
spieler Spielberger, der unter dem Künstlernamen Berger am
Theater wirkte. Dieser hatte sich an die Mitglieder der Burschen-
schaft angeschlossen, und die Landsmannschafter beschuldigten
ihn, er habe von ihnen in beleidigenden Ausdrücken gesprochen.
Als er am 23. November im Theater auftrat, unterbrachen sie
ihn durch Lärmen, wobei sie von den rechts im Parterre sitzenden
Burschenschaftern mit Stöcken bedroht wurden. Erst die herbei-
geholten Polizeidiener vermochten Euhe zu schafEen. Nach
Schluß der Vorstellung kam es dann auf dem Brühl zu einer
großen Schlägerei zwischen beiden Teilen. Daraufhin wurde
Spielberger auf Anweisung des Polizeipräsidenten von Eackel
sofort vom Stadttheater entlassen.
Die Polizeibehörde mußte hier umso energischer eingreifen, als
die Universität ihre akademische Disziplinargewalt den Studieren-
^) Akten des ehemaligen Kriminalamts Leipzig Nr. 4. Kgl. Hauptstaats*
arch. in Dresden Rep. 1, 2919 S. 38/39.
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— 24 —
den gegenüber meist in sehr nachlässiger Weise handhabte. Bei
Gelegenheit einer kurz darauf (am 24. Juli 1819) vorgefallenen
Schlägerei zwischen Studenten und Torwache beklagte sich der
Polizeipräsident in seinem Bericht über „die Untätigkeit der
akademischen Gewalten bei dergleichen Vorfällen, bei welchen
sich höchstens die Pedellen zeigen, deren Mut nicht größer ist
als das Ansehen, in welchem sie stehen, und die sich nur in
solcher sicherer Ferne sehen lassen, daß sie einen oder mehrere
der Teilnehmer zu erkennen und anzuzeigen nicht vermögen**.^)
Diese auch späterhin durchgeführte milde üniversitätsgerichts-
barkeit mußte naturgemäß zu Unzuträglichkeiten und Beibereien
zwischen beiden Teilen führen, wie es später unter von Ende
in so außerordentlichem Maße der Fall war.
Als das Verhältnis zwischen Burschenschaft und Lands-
mannschaften auch weiterhin das gespannte blieb, wurden von
auswärts Versuche zur gütlichen Beilegung gemacht.
Am Schluß des Jahres 1818 versuchten die Hallenser
Burschenschaften und Landsmannschaften die Leipziger Streitig-
keiten zu schlichten. Die Hallenser Burschenschaft nahm ihren
Verruf über den Leipziger S. C. zurück, nachdem dieser sich
wegen seiner Anzeige beim Universitätsgericht entschuldigt hatte,
und stellte ein „honoriges Verhältnis" wieder her. Die Leipziger
Burschenschaft verwahrte sich in einem Briefe an die versitzende
Berliner Burschenschaft gegen die Einmischung der Hallenser,
worauf die Berliner in einem Briefe an die Hallische Burschen-
schaft diese an ihre Pflicht als Mitglied der Deutschen Burschen-
schaft mahnten.^) Die Leipziger erbaten außerdem noch die Ver-
mittlung der Jenenser Burschenschaft, die Vergleichsverhandlungen
in Halle anstrebte. Da diese aber scheiterten, überließen die
Jenenser in einem Briefe vom 24. Mai 1819 den Leipzigern
selbst die Regelung ihrer Streitigkeiten.
So existierte die Burschenschaft trotz des königlichen Ver-
botes ruhig weiter. Auch in der Öffentlichkeit trug man ruhig
^) Akten des ehemaligen Kriminalamts Leipzig Nr. 4. Kgl. Hauptstaats-
arch. in Dresden Rep. 1, 2919 S. 54/55.
•) Mainzer Zentral-Untersuchungskommission, Spez.-Ber. XXI betr.
Leipzig §§ 13—18.
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— 25 —
das schwarz-rot-goldne Band und die altdeutsche Tracht. Man
veranstaltete Kommerse, Auszüge und Komitate unter den Augen
der Behörden: offiziell war es nur eine Anzahl beliebiger
Studierender, aber jedermann wußte natürlich, daß sich darunter
die Burschenschaft verbarg. So wurde am 10. März 1819 zu
Ehren des von der Universität abgehenden stud. theol. Lange
ein Komitat veranstaltet, das von der damals einzigen Zeitung
in Leipzig, dem „Leipziger Tageblatt", in seiner Nummer vom
13. März eingehend geschildert wurde. Der Bericht, der ein'
anschauliches Bild von dem Pomp eines solchen Aufzuges bietet,
lautet an den betreffenden Stellen folgendermaßen : „ . . . Voran
ritt ein Postillion als Estaffette ; ihm folgten drei Postillions, die
vortrefflich bliesen. Darauf kam der Anführer des ganzen
Comitats zu Pferde, besonders uniformiert und bewaffnet. Drei
ünteranführer mit gezogenen Säbeln schlössen sich an ihn an.
Diesen folgten 36 Eeiter, von denen je zwei und zwei gleich
gekleidet oder uniformiert waren. Nun folgte der Galawagen
mit 8 Schimmeln bespannt. In diesem saß Herr Karl Lange
in schwarzer Zivilkleidung und Herr Franziskus in Uniform
neben ihm. Drei Adjutanten, gleichfalls uniformiert, umgaben
diesen Wagen. An denselben schlössen sich 17 Wagen, deren
jeder mit 6 Pferden bespannt war.
... auf jedem Dorfe, durch welches der Zug ging, wurde
er mit Jubel empfangen, den feierlichsten und freudigsten Emp-
fang aber erfuhren die Herren Studierenden in Borna selbst teils
von der dasigen Bürgerschaft teils von den dort gamisonierenden
königlich sächsischen Husaren. Die Wache stand unter dem
Gewehr, während der ganze Zug langsam feierlich herankam.
Die Stadtmusiker empfingen denselben mit Blaseninstrumenten
zu den offenen Fenstern des Gasthofes heraus. Darauf speiste
die ganze Gesellschaft an einer vorher bestellten und schön
arrangierten Tafel".
•^ Obwohl in diesem Berichte der Name der Burschenschaft
an keiner Stelle erwähnt war, war die Darstellung doch zu
offenherzig, und auf Antrag des Eektors der Universität wurde
die Nummer der Zeitung beschlagnahmt. Aber damit scheinen
sich auch die Maßregeln der Behörden erschöpft zu haben;
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— 26 —
wenigstens ist aus den Akten nichts von einer Bestrafung der
Anführer zu ersehen.
Am 23. März 1819 erfolgte jene unselige Tat eines über-
spannten Geistes y die die Grundlage zur Verfolgung der
Burschenschaft in den nächsten Jahrzehnten bilden sollte: die
Ermordung Eotzebues durch den Burschenschafter Karl Ludwig
Sand.^) Die Nachricht gelangte am 25. März nach Leipzig. Als
sie hier bekannt wurde, stellte der Polizeipräsident von Rackel
sogleich Erhebungen an. Er fragte auch bei dem Rektor Rosen-
müller in dieser Beziehung an; dieser jedoch erklärte ihm, dafi
man nicht den geringsten Grund habe, eine Teilnahme der
Leipziger Burschenschaft an der Tat anzunehmen. Auf Grund
dieser Erkundigungen berichtete Rackel in beruhigender Weise
nach Dresden an die Regierung.
Allmählich schliffen sich auch die Gegensätze zwischen den
beiden Parteien ab. Die Burschenschaft sah ein, daß sie einen
universalen Charakter niemals werde durchführen können, die
Landsmannschaften andererseits erkannten das Verkehrte ihrer
starren Negation. Es galt nun, einen Ausgleich zu finden. Zu
diesem Zwecke begann man im Juni auf Veranlassung der
Burschenschaft mit Verhandlungen beider Teile. Am 6. Juni
fand die erste Zusammenkunft einer Kommission statt, ^die er-
gebnislos verlief. Am 8. Juni erfolgte eine zweite; auch in
dieser wurde keine Einigung zustande gebracht, und die Ver-
handlungen darüber sollten sich mit gelegentlichen Unter-
brechungen bis in das Jahr 1820 hineinziehen.
IIL Die Blütezeit der Leipziger Burschenschaft
1819/20 und die erste Untersuchung.
Die Entwicklung der Burschenschaft, die sich auf fast alle
deutschen Universitäten verbreitet hatte, griff auch in das politische
Leben herüber. Schon lange hatte der spiritus rector der ge-
samten äußeren und inneren Politik der Staaten Deutschlands,
^) Die Literatur über die Ermordung Kotzebues s. bei Erman und Hom
a. a. 0. Bd. 1 S. 678-682 Nr. 14602—14587.
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— 27 —
der österreichische Kanzler Fürst Mettemich, diese Bewegung
mit Mißtrauen betrachtet, die nach der Überzeugung seines
Vertrauten und ersten Gehilfen Gentz „ein durcj^aus verwerf-
liches, auf gefahrvolle und frevelhafte Zwecke gerichtetes Institut"
war.^) Seiner absolutistisch-reaktionären ßegierungsweise war
diese Bewegung, die sich nicht mehr am blinden Üntertanen-
verstand genügen wollte, eine Gefahr, und er strebte mit allen
Mitteln danach, sie zu unterdrücken und unschädlich zu machen.
Er war auch schließlich der Urheber der „Karlsbader Konferenzen"
im August 1819, in denen eine Anzahl deutscher Minister unter
seinem Vorsitze zusammentraten, um Maßregeln gegen die
Burschenschaft zu ergreifen. Das Ergebnis der Beratungen
bildete ein gleichmäßiges Vorgehen in sämtlichen Bundesstaaten.
Demgemäß wurde am 20. September 1819 ein Bundestagsbeschluß
über „die in Ansehung der Universitäten zu ergreifenden Maß-
regeln" gefaßt und in derselben Sitzung dieMainzerZentral-
Untersuchungskommission eingesetzt, die der Burschen-
schaft überall nachspüren sollte. Für die Burschenschaft begann
damit eine 20 jährige Periode der Verfolgung und Nachstellung.
In Leipzig war von Maßnahmen gegen die Burschenschaft
zunächst nichts zu spüren. Die akademischen Behörden, die sie
früher schon insgeheim begünstigt hatten, traten ihr in keiner
Weise entgegen, und da sie nach außen hin sehr vorsichtig auf-
trat, hatte auch die Polizeibehörde keine Veranlassung, gegen
sie vorzugehen. Sie blieb vollkommen unbelästigt und konnte
es sogar wagen, eine Art Führung unter den deutschen Burschen-
schaften zu übernehmen und die Vorbereitungen zu einem neuen
allgemeinen Burschentag zu treffen. Hase^) schreibt darüber:
„Wir trugen vor aller Augen das schwarz-rot-goldne Band, bei
akademischen Feierlichkeiten den deutschen Rock mit der Schärpe
jener Farben und das befiederte Barett, jedermann kannte das
Burschenhaus, im Sommer die Blaue Mütze am Bosenthal, im
Winter die Goldene Gans am Ausgange der Hainstraße. In dem
einen Zimmer stand unsere kleine Bibliothek, lagen neben anderen
^) Aus Metternichs nachgelassenen Papieren Teil 2 Bd. 1 S. 245.
3) a. a. 0. S. 51.
Leonbardt. 3
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— 28 —
Journalen die handschriftlichen Exemplare der Bnrschenzeitongr,
an einem schwarzen Brette hingen Bekanntmachangen, An-
köndigong einer Sitzung des Vorstandes , einiger Elassen-
versammlungen der Ausschußm&nner, und was sonst in einer
vielverzweigten Verbindung vorkommt. Mit dem Wirte war ein
genauer Mietskontrakt geschlossen worden, den die Ausschaß-
mitglieder unterschrieben."^)^
Die einzige Maßregel, die die Regierung ergriff, bestand
darin, daß der Leipziger Polizeipräsident von ßackel am 26. Februar
1820 zum außerordentlichen Bevollmächtigten bei der Universität
ernannt wurde. Aber da dieser sein Amt human auffaßte, wurde
auch das Bestehen der Burschenschaft kaum berührt Es be-
durfte erst eines Anstoßes von außen her, um energischer ein-
zugreifen. Am 15. März erhielt Backel ein Schreiben des Ministers
von Einsiedel, daß nach einem Berichte des preußischen Staats-
kanzlers Fürst Hardenberg in Leipzig die Burschenschaft fort-
bestehe. Ihr Vorsteher sei Haupt, „welcher die Absicht haben
soll, über die Burschenschaft etwas zu schreiben". Veranlassung
zu diesem Schreiben der preußischen Regierung bildete die
Denunziation eines Leutnants a. D. Willmanns, der in Jena und
Leipzig in der Burschenschaft gelebt hatte und seine Kenntnisse
den Behörden zwecks Erlangung einer Staatsstellung preisgab.^
Daraufhin wurde nun eine Untersuchung eingeleitet. Bei
dem offensichtigen Wohlwollen aber, das die Leipziger Behörden
der Burschenschaft gegenüber an den Tag legten, wurde sie
sehr milde geführt. Man verhörte Haupt und einen aus Jena
relegierten stud. Lorey, die jedoch beide leugneten. So ergab
sich nichts Belastendes, und in diesem Sinne berichtete Backel
nach Dresden. Er versicherte, „daß auch dermalen eine all-
gemeine Burschenschaft zu Leipzig nicht bestehe ; daß der Student
Haupt sich stets verständig und gesittet betragen habe, und daß
gegen den Student Lorey während seines Aufenthalts zu Leipzig
^) Dieser Vertrag abgedruckt bei Leonhardt, Aus den Jugendtagen
der Leipziger Burschenscbaft. Burscbenschaftl. Blätter S.-S« 1910 Heft 1 S. 2.
•) Kgl. Geh. Staatsarch. zu Berlin Rep. 77, XVni, 1, Vol. 2 S. 56-61,
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— 29 —
etwas Anstößiges oder Verdächtiges nicht bekannt geworden sey".^)
Mit dieser Anskonft Backeis waren denn auch die Dresdner Be-
hörden befriedigt.
So konnte — durch die Behörden kaum gestört — die
Burschenschaft zunächst weiterbestehen. Die im Juni 1819 an-
geknüpften Verhandlungen über ein erträglicheres Verhältnis zu
den Landsmannschaften wurden weitergeführt, und auch von aus-
wärtigen Verhandlungen erfahren wir in dieser Zeit. Die Werbe-
kraft des burschenschaftlichen Gedankens hatte ja an den Uni-
versitäten nicht haltgemacht; sie griff auf die gesamte Jugend
über. Wir hören von Burschenschaften auf Forst- und Berg-
akademien und anderen Hochschulen, sogar auf den Gymnasien
bildeten sich burschenschaftliche Verbindungen. Auch in Sachsen
war das der Fall, und die Leipziger Burschenschaft war an ihrem
Teile bemüht, derartige Bestrebungen zu stützen und zu fördern.
Über die burschenschaftlichen Verbindungen an sächsischen Gym-
nasien wird an einer späteren Stelle noch ausführlich gesprochen
werden; in dieser Zeit waren auch die Verbindungen mit anderen
Hochschulen sehr stark. So hatte sich auf der Forstakademie
in Tharandt eine Burschenschaft aufgetan, die durch ihre Ab-
gesandten Otherdahl und v. Watzdorf bei der Leipziger Burschen-
schaft um Anerkennung nachsuchte. Diese wurde ihr jedoch
damals verweigert, weil sie noch zu jung war.*) Auch die „medi-
zinisch-chirurgische Universität" in Dresden hatte eine Burschen-
schaft Concordia, die um diese Zeit ebenfalls mit den Leipzigern
in Verbindung stand. Die Concordia bestand seit 1817. Im
Winter 1819 wurden Verhandlungen mit der Leipziger Burschen-
schaft angeknüpft, und im März 1820 erhielt die Concordia die
Leipziger Konstitution auf ihr Verlangen übersandt.
Diese Burschenschaft wurde aber — wie ein Bericht*) des
^) Acta betr. den stud. Anton Haapt aus Wismar. Geh. Staatsarch.
zu Berlin Rep. 77, XXI Pol. 201 S. 28.
*) Aul Grund einer Aussage Berchts Untersuchung des Geh. Finanz-
kollegiums über Burschenschaften auf der Forstakademie zu Tharandt und
der Bergakademie zu Freiberg 1824, die keinerlei Beweise erbringt. Acta,
die Aufrechterhaltung der Ordnung auf deutschen Universitäten betr. (KgL
Uauptstaatsarch. in Dresden 2343).
«) Kgl. Geh. Staatsarch. in Berün Rep. 77, XVÜI, 1, Vol. 2 S. 190.
3*
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— 30 —
preoßischen Bimdestagsgesandten Graf v. d. Ooltz (1765 — 1832>
an den Fürsten Hardenberg mitteilte — in üntersnchong ge-
zogen nnd aufgelöst Die sächsische Regierung machte aber
der preußischen keinerlei weitere Mitteilungen von dem Ergebnis^
sondern übermittelte nur einige Namen von Studierenden „mit
der beiläufigen Äußerung, daß die Egl. Sachs. Regierung ähn-
liche Listen fast allen in ihren Staaten Universitäten besitzendea
deutschen Bundesstaaten habe zustellen lassen."
Dieser Bericht des preußischen Bundestagsgesandten an seine^
Regierung bietet interessante Rückschlüsse auf das gespannte
Verhältnis, das damals noch zwischen beiden Regi^rmgen und
ihren Vertretern bestand. Die sächsische Mitteilung, die Namen^
„nicht zu bezeichnen für nötig fand", veranlaßt den Grafen Goltz zu
der galligen, für die^beiderseitigen Beziehungen charakteristischen
Bemerkung, „daß die Kgl. Sachs. Regierung keineswegs zu der
früher mit einem gewissen Stolze geäußerten Behauptung, als-
ob Sachsen von demagogischen Umtrieben befreit geblieben sei^
berechtigt war".
Auch nach Österreich griff diese Unterstützung, die die
Leipziger Burschenschaft der burschenschaftlichen Idee zuteil
werden ließ, hinüber. Im Frühjahr 1820 trafen Leipziger
Burschenschafter, die eine Fußreise durch die sächsische Schweiz
machten, einige Prager Studenten.^) Diese reisten mit ihnen
nach Leipzig, wo sie von der Burschenschaft gastfrei auf-
genommen und in alle burschenschaftlichen Verhältnisse ein-
geweiht wurden. Sie blieben mehrere Tage in der sächsischen
Universität, wo sie in der Burschenschaft Landsleute fanden,')
und reisten dann in der Begleitung von mehreren Burschen-
schaftern nach Jena, um auch die dortige Burschenschaft kennen
zu lernen. Ähnlich kamen im nächsten Jahr Wiener Studenten
^) Mainzer Zentral - Untersucbungskommission, Spez.-Ber. XXI §§82;
bis 34.
*) Die Söhne des Oberbefehlshabers in der Schlacht bei Leipzig, de»
österreichischen Feldmarschalls Fürst von Schwarzenberg, waren Mitglieder
der Leipziger Burschenschaft: Edmund (1802—1852) und Karl (1803—1878^
Fürst von Schwarzenberg.
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— 31 —
nach Leipzig, die hier mehrere Tage in der Burschenschaft ver-
lebten.
Auch innerhalb der Burschenschaften auf den einzehien
deutschen Universitäten hatte die Leipziger Burschenschaft die
^Führung fibemommen. Da im Jahre 1819 wegen der drohenden
Verfolgungen kein Burschentag abgehalten worden war, betrieb
sie das Zustandekommen eines solchen für das nächste Jahr um so
lebhafter. Im April 1820 wurde von Leipzig aus ein Bote nach den
meisten deutschen Universitäten entsandt, von dem die einzelnen
Burschenschaften zur Beschickung des Burschentages, der vom
19. September bis zum 8. Oktober in Dresden stattfinden sollte,
-aufgefordert wurden. Den Auftrag übernahm Hase, der mittler-
weile in den Vorstand der Burschenschaft gewählt worden war.
Er berichtet darüber^):
„Immer zu Fuß mit dem leichten Ränzchen auf dem Rücken,
■auch meist allein bis auf das Geleite ein Stück Weges von den
Universitäten aus, bin ich nach Erlangen und Tübingen gewandert,
<ien Neckar hinab nach Heidelberg, von Mainz auf einer Jacht
nach Bonn gefahren, und man war da viel geselliger zusammen-
.getan als jetzt auf den Dampfbooten, von Bonn bis zum Kölner
Dom, dann wieder rheinaufwärts gegangen nach Prankfurt, durch
^en Spessart nach Würzburg, 'j über den Thüringer Wald nach
Jena. Auf das Burschenrecht der dreitägigen Gastfreundschaft
«n jeder Universität war gerechnet, aber wie ich meinen stillen
Auftrag überall an den Vorstand der Burschenschaft hatte und
der mit Freuden aufgenommen ward, so wurde ich mit denen,
die an der Spitze standen, bekannt, die Hände schlugen nach
Jugendart rasch zusammen und die süddeutsche Traulichkeit
heimelte mich an. Ich hatte das Vaterland geliebt wie eine
hohe, ferne Braut: nun dünkte mich, daß ich sie erst in ihrer
Schönheit kenne.
Bald nach meiner Rundreise habe ich auch einen Spazier-
gang nach Berlin gemacht, da sonst niemand aus dem Vorstande
daran wollte. Wiederum zu Fuß, nur ein Taschentuch im Rock,
und so kam ich mit dem Spazierstock durchs Tor, als war' ick
1) a. a. 0. S. 39 f., 44.
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— 32 —
Mrzlich hinansgegangen, wohnte bei Botenhalm ans Franken^
verkehrte mit dem heroischen Graf Bocholz, der das eiserne
Krenz trag, und die Berliner übernahmen die Botschaft nach
Breslau nnd den nordischen Universitäten^.
Auch das innere Leben der Burschenschaft blühte ruhig
weiter. Man hatte in der Vorstadt ein Gasthaus mit großem
Saale ^) für die Versammlungen und mit einem Garten, in dem
sich ein Turnplatz befand. Es bestand eine kleine Bibliothek,
und auch eine handschriftliche Burschenzeitung wurde später
aufgelegt. Dabei wurde — trotz allen fröhlichen Studenten-
treibens — das Verbindungswesen nicht übertrieben: Man hielt
darauf, Fleiß und munteres Studentenleben miteinander zu ver*
einigen. In den Versammlungen wurden politische Reden ge-
halten, von denen einzehie^ uns noch erhalten sind und von
dem glühenden Patriotismus zeugen, der damals die Glieder der
Burschenschaft erfaßt hatte.
Über das innere Leben und die Einrichtung der Burschen-
schaft in dieser Zeit orientieren uns weiterhin — Hase ging ja
bald von Leipzig weg — die Aussagen des stud. theol. Bercht
Dieser ist im Verlaufe der Untersuchung von 1823 verhaftet
worden und hat — durch eine lange Kerkerhaft mürbe ge-
macht — , um sich selbst zu retten, sehr genaue Angaben ge-
macht, die unbedingt als glaubhaft erscheinen. Auch seine An-
gaben über das Sommersemester 1820 bestätigen uns, daß die
Burschenschaft vollkommen ungestört lebe. Er sagt darüber in
seinem Verhör am 10. März 1824*):
„Ich bezog im Mai 1820 die Universität Leipzig und wohnte
da mit stud. theol. Grnlich, der schon der Burschenschaft an-
gehörte. Bei meinem dortigen Eintreffen war die Burschen-
schaft zwar keineswegs von den Universitätsbehörden in Leipzig
förmlich sanktioniert, aber sie bestand doch, und Anschläge sowie
Bekanntmachungen des Vorstandes der Burschenschaft sowie
ihres Sprechers wurden öffentlich affigiert, ohne daß irgendeine
^) Die «blaue Mütze".
^ In Hases gesammelten Werken.
«J Akten des Geh. Staatsarch. zu Berlin Rep. 77, XVIII, 1 Vol. 4 S. 2ia
bis 226.
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— 33 —
Behörde davon Kenntnis nahm; Afflicionen dieser Art erfolgten
auf dem Pechtboden und am schwarzen Brette und daher kann
die von mir in Leipzig vorgefundene Burschenschaft bis zu
Michaelis 1820 keineswegs eine geheime Verbindung genannt
werden".
Über das feierliche Zeremoniell bei der Aufnahme sagt
Bercht aus:
„Die ganze Burschenschaft saß in einem Halbzirkel ver-
sammelt; vor dem letzteren an einem Tische der Vorstand der
Burschenschaft und in dessen Mitte wieder der Sprecher. Ich
und die übrigen Recipienden mußten anfänglich in einem Vor-
zimmer warten; nachdem wir in die Versammlung gerufen, er-
öfibiete mir der Sprecher, daß meiner Aufnahme nichts im Wege
stehe und daß dieselbe gegenwärtig erfolgen solle. Der Sprecher
hielt darauf eine kurze Rede, deren Anrede mir nicht mehr bei-
fäUig ist, welchem nächst der Schreiber eine Receptionsformel
vorlas, die in Fragen abgefaßt war und worauf ich antworten
mußte . . .
Auf dem Tische, der vor dem Vorstand und dem Sprecher
stand, lagen sehr- viele rotseidene Binden, in deren Mitte die
allgemeine deutsche Burschenschaftsurkunde und die Constitution
der Leipziger Burschenschaft, beide schwarz eingebunden mit
goldenem Schnitt und auf beiden ein paar kreuzweis über-
einandergelegte Hieber, geziert mit Burschenschaftsbändem und
versehen mit den Farben schwarz, rot, gold. Nach dem Ver-
lesen jener Receptionsformel rief der Sprecher meinen Namen
und mußte ich an den vorgedachten Tisch herantreten. Darauf
sagte er zu mir die Worte: ,Ich nehme dich auf in die Burschen-
schaft. Empfange hiermit das äußere Zeichen und meinen Bruder-
kuß'. Bei diesen Worten hing er mir das burschenschaftliche
Band um, während zwei aus dem Vorstand die Hieber über
meinen Kopf hielten.
Beim Anfang dieser Versammlung wurde das Lied gesungen:
Sind wir vereint zur guten Stunde und am Schlüsse der letzte
Vers dieses Liedes".
Auch über die Organisation der Burschenschaft in dieser
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— 34 —
Zeit macht Bercht ausfährlicbe Angaben.^) Die oberste Behörde
bildete die Gesamtheit Die Gesamtheit war der Begriff aller
Barschenschaftsmitglieder oder die absolute Mehrheit dieser.
Neben den allgemeinen Versamminngen bestanden auch noch
solche der einzelnen Klassen.^) Die Elassenversammlnngen fanden
in jeder Woche statt. Auf ihnen wurden zuerst die neuen Ver-
ordnungen bekanntgegeben, dann folgte die Besprechung eines
„akademischen Gegenstandes". An Behörden gab es einen Vor-
stand, der die Führung der äußeren Geschäfte hatte, einen
Ausschuß, dessen Aufgabe die Hebung und Leitung des
geistigen Lebens innerhalb der Burschenschaft war, und ein
Ehrengericht, das über die Erhaltung des inneren Friedens
wachte. Die Wahlen zu diesen Behörden fanden in jedem
Semester mit absoluter Stimmenmehrheit in den Elassenversamm-
lnngen statt.
Der Vorstand bestand aus 7 Mitgliedern und 2 Anwarten,
die aber nur beratende Stimme hatten. Aus ihm wurde monat-
lich der Sprecher gewählt, während die übrigen Ämter halb-
jährlich wechselten. Es waren dies:
Schreiber,
Bechnungsführer,
Zeugwart oder Fechtbodenvorsteher,
Pfleger (für Kranke und Fremde),
Burschenhausvorsteher und
Kommersmeister.
Der Vorstand hielt seine Sitzungen zweimal wöchentlich ab,
und zwar im allgemeinen öffentlich; nur wenn es sich um per-
sönliche Fragen handelte, waren sie geheim.
Der Ausschuß besaß 13 Mitglieder und ebenfalls 2 An-
warte. Er wählte für seine Sitzungen einen Sprecher und
Schreiber, die übrigen 11 Mitglieder bildeten die Vertreter jeder
einzelnen Klasse. Jeder Vertreter war gleichzeitig Vorsteher seiner
Klasse.
1) Akten des Geh. Staatsarch. zu Berlin Rep. 77, XVIU, 1 Vol. 4 S. 300
bis 312.
*) Deren Zahl nach der Stärke der Mitglieder gewechselt zu haben
ischeint.
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— 35 —
Das Ehrengericht, das auch den Namen Vermittlnngs-
ansschofi führte, tagte stets geheim. Es bestand aus 3 Mit-
gliedern und 2 Anwarten. Die geschäftliche Behandlung scheint
analog der heute gebräuchlichen gewesen zu sein. Bemerkens-
wert ist, daß Benommage mit sofortiger Exklusion bestraft
wurde. Stand vor dem Ehrengericht Ehrenwort gegen Ehren-
wort, so trat Zweikampf ein.
Die Burschenschaft besaß einen Fechtboden und einen Turn-
platz, weiterhin ein Burschenhaus. Jedes Mitglied war ver-
pflichtet, diese drei Orte täglich zu besuchen. Die Easse wurde
durch freiwillige Beiträge sowie eine semesterliche Wechsel-
steuer, die anfangs 2, später 4^/o betrug, erhalten.
Monatlich fand eine allgemeine Versammlung statt. War
sie geheim, so waren nur Burschenschafter zugelassen, wurde
sie öffentlich abgehalten, hatten auch die Renoncen und andere
Studenten Zutritt.
Die Stärke hat in dieser ganzen Zeit sehr häufig gewechselt.
Betrug sie bei der Gründung 255 und bald darauf etwa 400 Mit-
glieder, so raubten ihr die beginnenden Untersuchungen wieder
eine ganze Anzahl, und sie hat sich 1820 auf etwa 200 bis 250
belaufen. Im Wappen der Burschenschaft war ein Auge (als
das Symbol Gottes) über einem Schwerte (als dem Symbol der
Ehre), welches durch einen Hut (als Symbol der Freiheit) ge-
steckt und mit einigen Eichenkränzen (dem Symbol des Vater-
landes) umgeben war. Dieses Wappen war auch im Siegel ein-
gegraben, das vom Schreiber verwahrt wurde. In Gebrauch
genommen wurde das Siegel bei den Korrespondenzen und bei
Unterzeichnung der „Kneipkarten", die bei auswärtigen Burschen-
schaften als Legitimation dienten.
Versammlungsorte der Burschenschaft waren anfänglich und
im Sommer 1820 der Gasthof zur blauen Mütze vor dem ßan-
Btädter Tor, im Winter desselben Jahres in dem Beil, einem
Gasthofe auf dem Brühl. Im Sommer 1821 versammelte sich
die Burschenschaft in Stötteritz oder in Schleußig in den dortigen
Gasthöfen, im Winter desselben Jahres wieder im Beil. Hier
blieb sie auch während des Jahres 1822, während im Sommer
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— 36 —
1823 die Versammlimgeii nach Entritzsch in die sogen. Klavier-
schenke verlegt worden.^)
Am 24. Mai 1820, der erstmaligen Wiederkehr von Sands
Todestag, wurde im Fürstenkolleginm nnd an verschiedenen
Straßenecken folgender merkwürdige Aufruf angeheftet:
„Wacht auf, ihr Brüder der Burschenschaft, erhebt euch,
ihr des Vaterlands Zierde! Denn das Deutschtum ist bedroht —
das Volk muß untergehen. Die schrecklichsten unserer Feinde,
verheerende Baupen griffen verräterisch die geheiligte Eiche
an. Womit soll der Bursche fortan das Haupt sich schmücken?
Darum ziehet hinaus, ihr meine langhaarigen Brttder, vernichtet
jene Ungeheuer, nur so könnt ihr dem undeutschen Pöbel euren
deutschen Sinn verdeutschen und auf der Eichen Gipfeln erschalle
das Lob des Deutschesten, den sein deutsches Herz zuerst auf
diese Höhen führte — um abzuraupen. Der Ausschuß".*)
Dieser ganze Anschlag hat ein äußerst merkwürdiges Aus-
sehen: man ist beinahe versucht, ihn für apokryph zu halten.
Gerade in dieser Zeit hatte innerhalb der Leipziger Burschen-
schaft die gemäßigte Richtung die Oberhand, und es ist kaum
anzunehmen, daß eine derartig radikale Veröffentlichung, die in
ihrer Tonart an den späteren „geheimen Bund" erinnerte, von
dem Vorstande ausgegangen sein sollte. Sie kann höchstens das
Werk einiger Heißsporne und Hitzköpfe der puritanischen, alt-
deutschen Eichtung gewesen sein, die es natürlich auch in Leipzig
gab, wenn sie nicht überhaupt eine Mystifikation war.
Das ganze äußere Leben der Burschenschaft bewegte sich
aber damals in ganz anderen Bahnen, die von einer gesunden
Realität und nicht von dem unklaren Radikalismus solcher Ver-
öffentlichungen durchdrungen waren. Die Verhandlungen mit
den Landsmannschaften zogen sich schleppend — bald ab-
gebrochen, bald wieder aufgenommen — weiter, führten aber
immerhin eine Besserung des beiderseitigen Verhältnisses herbei
^) Aussage Berchts am 10. März 1824.
*) Acta das landesherrliche Gommissariat bey der Universität zu Leipzig
betreffz. Akten des ehemaligen Kriminalamts Leipzig Nr. 7. Kgl. Haupt-
staatsarchiv in Dresden.
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— 37 —
Der Jenenser Burschenschafter Adolph Fleischer schreibt darüber
an den Studenten Ernst Förster:
„In Leipzig steht es übrigens mit den Burschenschaften
gut, denn sie holzen sich wieder. Die letzteren haben mit den
ersteren darum die Verhandlungen aufgehoben, weil einige von
ihnen zu den Burschenschaften übergetreten sind. Müller^)
wird männiglich das Ziegholz schwingen. Hase, wie er heute
Ferdinanden^ berichtet, kommt Ostern hierher mit einem be-
kehrten Landsmannschafter und mietet in unserem Hause ein;
ich freue mich auf den Kerl".
Auch Herbst schrieb zu derselben Zeit an Förster, der
damals in Berlin war, und berichtete von einem Duell, das
Müller gehabt hatte und wobei auch Graf Bocholz, der damals
in Leipzig privatisierte, anwesend gewesen war.
„Du kannst denken", fügte er bei, „wie der ritterliche
Junge triumphiert haben mag; an demselben Tage haben sich
zwei von den Zuschauem, der Graf Carlowitz und der Baron
von Friessen zur Burschenschaft gemeldet. Überhaupt soll es
dort mit der Burschenschaft ganz köstlich stehen."
Der Graf Bocholz hat damals längere Zeit in Leipzig ge-
weilt und auch sicherlich mit der Burschenschaft einen regen
Verkehr unterhalten. Allmählich wurden aber die üniversitäts-
behörden auf ihn aufmerksam, und am 4. Juli wandte sich der
Rektor Hofrat Tittmann an den Regierungsbevollmächtigten
V. Rackel mit der Bitte, den Graf Bocholz auszuweisen. Darauf
erging am 29. Juli ein königliches Reskript, das die ungesäumte
Ausweisung des Grafen verfügte.®)
Diese Maßregel der Behörden steht vermutlich im Zut
sammenhange mit einem neuen Vorgehen gegen die Burschen-
schaft. Der preußische Staatskanzler Fürst Hardenberg sandte
am 10. Juni an die sächsiche Regierung das bereits obenerwähnte
Stammbuchblatt des stud. Anton Haupt über die Gründung der
Leipziger Burschenschaft. Auf Grund dieses „neuerlichen In-
^) Robert Müller, der Abgesandte zum Dresdner Burschentage.
•) Herbst, der vertraute Freund Hases.
*) Akten des ehemaligen Kriminalamts Leipzig Nr. 7. Kgl. Hauptstaats-
archiv in Dresden.
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— 38 —
dicinnis'^ wurde eine Untersnchong verfflgt. Die Burschenschaft
parierte diesen Streich, indem sie sich selbst auflöste und dies
dem Rektor mitteilte.
Daß diese Auflösung nur eine scheinbare war und in Wirk-
lichkeit die Burschenschaft ruhig weiterbestand, unterliegt aber
keinem Zweifel. Sie änderte nur ihre äußerliche Form, wurde
„Lesegesellschaft" genannt und nach dem Muster des „Burschen-
Lesekränzchen" in Tübingen eingerichtet. Unter dieser Form
bestand sie mit ihren burschenschaftlichen Bestrebungen ruhig
weiter. Und gerade in dieser Zeit ging es lebhafter zu: näherten
sich doch die Verhandlungen mit den Landsmannschaften ihrem
Abschlüsse.
Diese Verhandlungen hatten fast ein ganzes Jahr gedauert,
ehe sie ein greifbares Ergebnis zeitigten. Die Wandlung inner-
halb der führenden Kreise der Burschenschaft, die ihren radikalen
Standpunkt zugunsten eines gemäßigteren aufgaben, förderte
sie so sehr, daß sie jetzt sehr schnell einen festen Untergrund
erhielten. Am 10. Juli 1820 waren sie so weit gediehen, daß
von einer gemischten Kommission (in der von Burschenschaftern
Frhr. v. Friesen und Hensel saßen) der Verruf suspendiert wurde.
Nach weiteren längeren Verhandlungen wurde am 13. September
der „Comment für die Universität Leipzig" endgültig festgelegt
und von der Burschenschaft und den Landsmannschaften Lusatia
und Saxonia unterschrieben. Als Unterzeichner von selten der
Burschenschaft finden sich Fritsch, Hartleb, Neumann und Kittler.
Die wichtigste Bestimmung war die Schaffung des „Repräsen-
tantenkonvents", der die oberste Behörde für die gesamte
Studentenschaft Leipzigs bilden sollte. Dieser bestand aus 8 Ab-
geordneten, von denen 4 von den Landsmannschaften, 4 von der
Burschenschaft gestellt wurden. Bei Stimmengleichheit wurde
der Burschenschaft in Anbetracht ihrer großen Stärke eine fünfte
Stimme zuerkannt, so daß sie sich immer die Übernaacht sichern
konnte. Es war klar, daß dieser Punkt den Grund für fort-
währende Streitigkeiten bilden, und daß daran schließlich die
ganze Einigung zugrunde gehen würde, was auch nicht lange
auf sich warten ließ.
Im übrigen wurde in diesem Vertrag in 139 Paragraphen
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— 39 —
allerlei bestimmt und verboten, was dann doch nach kurzer Zeit
nicht innegehalten wurde.
Unter diesen Verhandlungen war fär die Burschenschaft die
Zeit herangekommen, die man im Frühjahr für die Abhaltung
des Burschentages bestimmt hatte. Deshalb konnten die da-
maligen Führer der Burschenschaft Herbst und Hase dem Schlüsse
der Verhandlungen nicht beiwohnen, da sie bereits nach Dresden
aufgebrochen waren.
Dresden war im Frühjahr als Ort des Burschentages ge-
wählt worden, und so fand denn auch dieser in den Tagen vom
15. September bis 9. Oktober fast unter den Augen der Polizei
— in dem Gasthause „Zum goldenen Hirsch" in der Scheffel-
gasse dem Polizeiamte gegenüber — statt. Von Leipzig waren
Herbst, Hase, Robert Müller, die Brüder Schwarzenberg und
noch einige andere Burschenschafter anwesend. Hase war
Schreiber und hatte das ausführliche Protokoll zu führen.^)
Währenddessen war es aber in Leipzig plötzlich zu neuen
Untersuchungen gegen die Burschenschaft gekommen. Den An-
laß hierzu bot ein am 13. September am schwarzen Brett und
auf dem Fechtboden angeschlagener Verrufszettel, der folgender-
maßen lautete:
Der Studiosus Landeck aus Boßwein wird wegen
Bruch des Ehrenwortes für ehrlos erklärt und in Ver-
ruf getan.
Nach Beschlagnahme dieses Zettels stellte die Universitäts-
behörde sggleich Verhöre an, bei denen sich ergab, daß Hase
der Urheber des Verrufes war. Hase war aber angeblich auf
einer Reise nach Wien begriffen — in Wirklichkeit war er,
wie wir wissen, zum Dresdener Burschentage gereist. So wurde
nur der stud. Schauert, der den Anschlag auf dem Fechtboden
angeheftet hatte, mit Relegation bestraft. Weiterhin verfügte
der Rektor von neuem die Auflösung der Burschenschaft — eine
Verfügung, die natürlich nur auf dem Papier Geltung hatte.
^) Das ProtokoU des Dresdner Barschentages befindet sich in den
Barschenschaf tl. Blättern 1889 S. 66 iL
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— 40 —
Unter dem Drack dieser neuerlichen Verfolgang warde aach
die „Lesegesellschaft" naturgemäß äußerlich noch formloser. Daß
die Burschenschaft aber de facto weiterbestand, dafür erbringen
den Beweis schon die Lesezimmergesetze/) in denen immer der
Name Burschenschaft gebraucht wurde. Der Vorstand setzte
sich zusammen aus Herbst and Hase, der Aasschaß aus Engel,
Blume, Schmoldt und Zimmermann. Ebenso bestand die Ein-
teilung der elf Klassen fort. Die Mitgliederzahl betrug in dieser
Zeit nach verschiedenen Aussagen 100 bis 140.
So schien auch diese Untersuchung wie die früheren dank
der Milde der Universitätsbehörden im Sande verlaufen zu sollen.
Aber diesmal täuschte man sich in seiner Vertrauensseligkeit
innerhalb der Kreise der Burschenschaft. Während aUes äußer-
lich vollkommen ruhig schien, wurde im geheimen die Unter-
suchung fortgesetzt. Ob dabei Einflüsse von fremden Regierungen
maßgebend waren, die die sächsischen Behörden zu schärferem
Vorgehen aufstachelten, ist aus den vorhandenen Quellen nicht
ersichtlich. Herbst weist in seinem weiter unten abgedruckten
Briefe auf Preußen hin. Der stud. Bercht äußerte in seinem
Verhör am 10. März 1824 die Ansicht, daß die Fortsetzung der
Untersuchung auf einem Druck der österreichischen Regierung
beruht habe, die durch die Gebrüder Schwarzenberg von der
Existenz der Leipziger Burschenschaft erfahren hatte. Die Be-
richte des österreichischen Generalkonsuls in Leipzig Adam
Müller enthalten bis 1828 aber keinerlei Bemerkungen über die
Burschenschaft. Am 16. Dezember 1820 nahm der Universitäts-
aktuar Mirus mit zwei Pedellen in der „Goldenen Gans" eine
Haussuchung vor, wobei die Bekanntmachungen der Lesegesell-
schaft beschlagnahmt wurden. Dieser Haussuchung folgte am
18. Dezember eine weitere Haussuchung bei Herbst und Hase,
die andere belastende Schriftstücke zutage förderte. Darunter
befanden sich vor allem (außer den „Gesetzen für das Lese-
zimmer") die „Statuten für den Leipziger Burschenverein",*)
femer ein Aufsatz von Herbst über „Wesen und Einrichtung
1) Abgedruckt bei Bruchmüller a. a. 0. S. 106f.
>) Abgedruckt bei Bruchmüller a. a. 0. S. 109—112.
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— 41 —
der Bibliothek auf dem Borschenhause" sowie mehrere Entwürfe
zu burschenschaftlichen Beden. Auch die Landsmannschaften
wurden in die Untersuchung hineingezogen, da bei Herbst die
Protokolle des Bepräsentantenkonvents vom 25. und 28. Oktober
beschlagnahmt wurden.
Herbst und Hase wurden noch am 18. Dezember auf den
Earzer gebracht. Es war ihnen aber noch Zeit geblieben, sich
untereinander und mit den übrigen Mitgliedern der Burschen-
schaft über möglichst unverfängliche Aussagen zu verständigen.
Durch an Bindfaden befestigte Zettel mit den Aussagen der Ein-
zelnen wurden auch die beiden Inkarzerierten auf dem Laufenden
gehalten, und es ergab sich eine vollkommene Übereinstimmung
aller Verhöre, wonach die Lesegesellschaft und der Repräsen-
tantenkonvent als gänzlich harmlos erscheinen mußten.
Auch jetzt noch war die Untersuchung ziemlich human.
Die Universitätsbehörden standen der Burschenschaft immer noch
wohlwollend gegenüber und behandelten die Verdächtigen ziem-
lich glimpflich. Immerhin wurde die Angelegenheit doch ernst-
licher betrieben, als man es innerhalb der Burschenschaft nach
den früheren Untersuchungen geglaubt hatte. Herbst schreibt
darüber an Förster in Berlin (der Brief wurde mittels der Faden-
post aus dem Karzer geschmuggelt):
„Die Leipziger Nemesis, die bei verschnittenen Flügeln
schon längst zum langsam kriechenden Faultier geworden ist,
betreibt unsere Sache äußerst schläfrig, aber doch ernster, als
ich es dachte. Zwar wird die Burschenschaft gerettet werden,
aber alle bisher genossene Öffentlichkeit verlieren, ich und Hase
werden auf jeden Fall geschickt. Wie ich dann aber gleich
nach Berlin kommen kann, sehe ich nicht recht ein, so gern
ich auch bei Dir wäre. Als Konsiliierter werde ich nicht auf-
genommen, als Philister kann ich mich dort nicht halten, und
ich muß befürchten, daß, da die über uns verhängte Unter-
suchung, wie wir sicher wissen, von Berlin aus veranlaßt ist
und der hiesige preußische Konsul dahinter steckt, mein Name
in Berlin schon mit dem Ehrentitel eines Demagogen gebrand-
markt ist, und ich dort in verdrießlichere Lagen kommen kann . . .
Die lebendige Ideenassoziation der Altenburger hat uns schon
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— 42 —
nach Mainz ^) versetzt. In Leipzig selbst sind wir das Stadt-
gespräch. Die Schönen, mit denen ich nie in Berfihrung kam,
nehmen innigen Anteil, und manche Biedermänner, die noch so
etwas von Reichsbttrgersinn haben, schicken eine Flasche alten
Rheinweins. Das erfreut das Herz . . .^
Da nun bei den Verhören der sämtlichen Beteiligten die
Aussagen immer nur die gleichen unverfänglichen Antworten
ergaben und nur das zugestanden wurde, was aus den beschlag-
nahmten Papieren hervorging, so wurden Herbst und Hase
bereits am 9. Februar 1821 wieder aus dem Karzer entlassen
und — wie die sämtlichen übrigen Mitglieder der Burschen-
schaft — mit „weitem Arrest" belegt. Schließlich endigte die
Untersuchung damit, daß am 3. April durch den Spruch des
Universitätsgerichtes Herbst und Hase mit dem consilium abe-
undl bestraft wurden, während gegen die übrigen Beteiligten
mit Karzerstrafen vorgegangen wurde. Es erhielten Engel,
Zimmermann, Schmoldt, Blume 3 Tage, Karl Eduard Hase,
Frhr. v. Friesen, Winkler, du Chesne 2 Tage sowie Löschick
und Klitzsch 1 Tag. Carder, Rivinus, Harles, Schladitz, Muth
und Fiedler wurden mit einem Verweis bestraft.
IV. Die Burschenschaft bis zum Odenwalder
Burschentag und der zweite Bruch mit den
Landsmannschaften.
Daß durch diese verhältnismäßig milden Strafen die Burschen-
schaft bewogen werden würde, sich aufzulösen, war nicht zu er-
warten. Es war dies auch tatsächlich nicht der Fall: sie be-
stand ruhig weiter, indem nur die Heimlichkeit noch mehr als
bisher gewahrt wurde. Dadurch litt aber das innere Leben
keineswegs. Die gesamte Organisation wurde aufrechterhalten:
das ßurschenhaus bildete im Sommer 1821 die Burkhardtsche
Wirtschaft auf der Windmühlengasse. Nach außen hin mußte
man allerdings die größte Vorsicht walten lassen, zumal in dem
^) Mainz war als Bundesfestung zugleich Gefängnis für politische Ver-
brecher.
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— 43 —
offiziellen Verkehr mit den Burschenschaften und burschenschaft-
lichen Kreisen anderer Universitäten. Gerade diese Verbindung
der Universitäten untereinander, wie sie die Burschenschaft er-
strebte, sollte ja durch die strengen Maßregeln der Regierungen
unmöglich gemacht werden, und darum galt es, sich in dieser
Beziehung die größte Zurückhaltung aufzuerlegen. Man suchte
natürlich nach Mitteln, diese Überwachung zu umgehen, und in
diesem Sinne fanden sich im März 1821 Abgesandte von Berlin,
Breslau, Göttingen, Halle und Heidelberg in Leipzig zusammen,^)
um gemeinsam mit den Leipzigern über eine weitere Aufrecht-
erhaltung des gegenseitigen Verkehrs zu beraten. Es wurde
schließlich die Form von Deckadressen gewählt, bei denen auf
unverdächtige Leute jeden Standes Bedacht genommen werden
sollte. Ebenso bestand die enge Verbindung mit den Hallenser
und Jenenser Burschenschaftern fort: so reisten eine Anzahl
Leipziger am 30. Mai und am IL Juni nach Halle, um mit der
dortigen Burschenschaft gemeinsam einen Kommers zu feiern.
Ebenso blieb auch das Verhältnis der Burschenschaft inner-
halb der Leipziger Studentenschaft fast unberührt von diesen
Ereignissen. Der Repräsentantenkonvent bestand fort, wenn-
gleich öfters Meinungsverschiedenheiten ausbrachen, die sich um
die fünfte der Burschenschaft vertragsmäßig zustehende Stimme
drehten. Die Landsmannschaften waren aber zu sehr mit sich
selbst beschäftigt, um sich hier voll einsetzen zu können; sie
waren jetzt selbst in Untersuchungen verwickelt, die im August
1821 zu verschiedenen Relegationen führten. Ebensowenig litt
das studentische Leben darunter: Alles ging im gewohnten
Geleise ruhig weiter. Davon zeugen die Aufzeichnungen von
Krawallen aus dieser Zeit,^ so am 23. August, wo von einem
organisierten Studentenkorps, das aus Burschenschaftern und
Landsmannschaften! bestand, einem mißliebigen Wirte die Fenster
eingeworfen wurden.
^) Nach einem Berichte des preußischen Generalkonsuls in Leipzig
Baumgaertner an die preußische Regierung vom 26. März 1821 in den Akten
des Geh. Staatsarch. zu Berlin A. A. I Rep. IV 24 Poücey Vol. 3 S. 15—17.
Der angesehene Verlagsbuchhändler wurde von der preußischen Regierung
in seiner Eigenschaft als Generalkonsul zu allerlei Spitzeldiensten benutzt.
>) Andree a. a. 0. S. 57.
Leonhardt. 4 *
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— 44 —
Die Aufmerksamkeit der Behörden wurde erst wieder wach-
gerufen durch ein Pistolenduell, das im September der Burschen-
schafter Robert Malier mit dem Sachsensenior Lucius hatte, bei
dem der letztere lebensgefährlich verwundet wurde. MttUer floh
zunächst, stellte sich aber dann den Behörden und wurde zu
zwölf Jahren Gefängnis verurteilt, die im Gnadenwege auf zwei
Jahre Karzer ermäßigt wurden. Daraufhin wurden weitere Unter-
suchungen angestellt, die aber keinerlei Ergebnis zeitigten.
Um die innerliche Verbindung der Burschenschaften auf
den einzelnen Hochschulen aufrechtzuerhalten, war schon bei
der Gründung der allgemeinen deutschen Burschenschaft im
Jahre 1818 die Bestimmung festgelegt worden, daß jedes Jahr
ein Burschentag stattzufinden habe. Die versitzende Würz-
burger Burschenschaft berief also im Herbste 1821 den Burschen-
tag nach Streitberg, einem kleinen Dorfe in der Nähe von
Erlangen. Von Leipzig aus wurden hierzu Meyer und Meißner
entsandt. Der Burschentag, der von zehn Universitäten be-
schickt war, beschäftigte sich in der Hauptsache mit internen
Angelegenheiten, die den inneren Ausbau der Organisation zum
Ziele hatten.^)
Dieser Burschentag wurde in der größten Heimlichkeit ab-
gehalten, so daß die Behörden erst zwei Jahre später durch das
Geständnis eines Teilnehmers davon Kenntnis erhielten. Auch
in Leipzig wußte die Behörde nichts von der Reise der Dele-
gierten, wie man ja überhaupt nach der Unterdrückung im FrüL-
jahr 1821 sich nicht weiter um die Burschenschaft bekümmerte.
Der Grund hierin lag wohl zum Teil an dem Personenwechsel, der
sich in dieser Zeit in der Stelle des außerordentlichen Regierungs-
bevollmächtigten vollzog. Der bisherige Lihaber von Rackel starb
Ende 1821, in seine Stellung trat der bisherige oberlausitzische
Landesälteste von GersdorfiE ein, der zunächst wohl die Ver-
hältnisse noch nicht so überblickte.
Von Seiten der Universitätsbehörden andererseits übersah
man — so weit es irgend ging — geflissentlich sämtliche
studentischen Verbindungen, und unter diesen Umständen blühte
^) Leonhardt, Der Streitberger Burschentag 1821. Burschenschaftl.
Blätter W.-S. 1909/10 Heft 2 S. 25f.
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— 46 —
natürlich die Burschenschaft ruhig weiter. Aach das gute Ver-
hältnis zn den Landsmannschaften, das in dem Bepräsentanten-
konyent seinen Aasdrack fand, hatte bisher noch immer bestanden.
Allerdings sollte es jetzt, wo das Korporationsleben und die Selb-
ständigkeit der einzelnen Verbindungen wieder eine geduldete
Ellbogenfreiheit erhielt, an dem Streit um die Vorherrschaft im
Bepräsentantenkonvent zugrunde gehen.
Der Bepräsentantenkonvent war gegründet worden als Organ
der Verständigung zwischen den beiden einander widerstrebenden
Teilen — Burschenschaft und Landsmannschaft — auf mittlerer
Basis. Er hatte nur entstehen können, weil sich auf beiden
Seiten eine gemäßigte Bichtung geltend machte, die dem er-
bitterten Kampf ohne Aussicht auf jemalige Erfolge ein Ende
machen wollte. Daß sich bei der nun einmal vorhandenen Eifer-
süchtelei unter den beiden Gruppen diese gemäßigte Bichtung
auf die Dauer erhalten würde, war ausgeschlossen, und so war
auch von vornherein dem Bepräsentantenkonvent nur eine be-
schränkte Lebensdauer beschieden. Daß er so lange zusammen-
hielt, war bestimmt durch die Untersuchungen und Verfolgungen
der Behörden, die beide Teile von den weiteren Maßnahmen in
dieser Bichtung absehen ließen. Aber nunmehr erachtete es die
Partei der Landsmannschaften für an der Zeit, sich von dieser
drückenden Fessel zu befreien, die der Burschenschaft ein so
erhebliches Vorrecht zugestand. Es wurde daher von Seiten
der Landsmannschaften am 11. März 1822 an die Burschenschaft
das Ansinnen gestellt, auf ihre fünfte Stimme zu verzichten. Da
diese einen solchen Verzicht natürlich ablehnte, kam es am 14. März
zum Bruch, und es trat nun wieder der gegenseitige Verruf ein.
Die Burschenschaft hatte um so weniger Veranlassung, auf
diesen Verzicht einzugehen, als sich gerade in dieser Zeit ihre
Mitgliederzahl sehr stark vermehrt hatte. Die Ursache hierzu
war eine eigenartige. Von verschiedenen deutschen Universi-
täten^) waren in diesem Frühjahr eine größere Anzahl kurlän-
^) Nach den Akten der Mainzer Zentrai-Untersa<shungskommission Bonn
und Göttingen ; nach Fabricius a. a. 0. S. 808 aach Heidelberg. Darüber
Aussage Berchts in den Akten des Geh. Staktsarchivs zu Berlin Rep. 77, XVIII,l
Vol. 4 S. 241.
4»
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— 46 —
discher Adliger nach Leipzig übergesiedelt, die hier eine eigene
Yerbindnng, den „korländischen Adelklabb^, gegründet hatten.
Zwischen ihnen und Mitgliedern der Burschenschaft kam e&
bald zu allerlei Reibungen, die schließlich zu einer großen Menge
— allein an einem Abend über fünfzig — Eontrahagen führten.
Dadurch wurden viele Studenten veranlaßt, sich der Burschen-
schaft anzuschließen, da sie innerhalb dieses großen Kreises ihre
Interessen besser geschützt sahen, als wenn sie allein standen.
Im Sommer 1822 nahm die Burschenschaft auch die Ver--
bindung mit Jena und Halle wieder auf, die eine Zeitlang voll-
kommen geruht hatte. Für den Juli wurde eine Versammlung
der Burschenschafter der drei Universitäten auf dem Kyffhäuser
verabredet. Diese Zusammenkunft kam aber nicht zustande, da
die preußische Begierung hiervon Kenntnis erhalten hatte und
den Kyffhäuser durch Militär besetzen ließ.
Der Plan einer Zusammenkunft der Burschenschaften wurde
aber von Jena, das auf dem Streitberger Burschentag zur Vor-
sitzenden gewählt worden war, weiter im Auge behalten. Im
Juli kam als Abgesandter von Jena der stud. jur. Demme nach
Leipzig, der einen Burschentag ansagen sollte. Bei der ge-
steigerten Gefahr, die durch die unaufhörlichen Verfolgungeu
der Behörden der Burschenschaft erwuchs, wurde diese Auf-
forderung nur dem Vorstande vorgelegt, der damals aus Bercht,
Fischer, Gottschalk, Imme und Rohde bestand. Aber auch dieser
erfuhr nicht einmal Ort und Zeit: so geheimnisvoll wurde die
Tatsache betrieben. Ihm wurde lediglich mitgeteilt, daß sich
die Abgesandten am 23. September vormittags 10 Uhr im Dom
zu Speyer treffen sollten. Als Kennzeichen diente ein weißes
Band unter dem Halstuch und ein bestimmtes Stichwort.
Von dem Vorstand wurde Bercht zum Vertreter gewählt,
während Fischer die Einladung nach Breslau überbringen sollte.
Er erhielt für diese Reise vierzig Taler und machte sich Anfang
August nach Breslau auf, kehrte aber ohne Ergebnis von dort
zurück, da in Breslau keinerlei burschenschaftlich gesinnte Kreise,,
geschweige denn eine organisierte Burschenschaft bestanden.
Das Geld für Fischers Reise hatte der Vorstand angewiesen;
schwieriger war aber die Bewilligung von 100 Talern Reise-
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— 47 —
losten für Bercht, da man sich in diesem Falle an die Burschen-
Versammlung wenden mußte. Bei der Heimlichkeit der Ein-
ladung durfte diese aber andererseits auf keinen Fall von der
Abhaltung des Burschentages etwas erfahren. Der Vorstand
behalf sich damit, daß Fischer eine außerordentliche Unter-
stützung „für ein hilfsbedürftiges Subjekt, das er nicht nennen
dürfe", in dieser Höhe beantragte — eine Verschleierung, derent-
wegen Fischer später von der Burschenversammlung heftig ge-
tadelt wurde.
Dieser Burschentag wurde Ende September und Anfang
Oktober im Odenwald, und zwar nacheinander in Bensheim,
Zwingenberg und Gernsheim gehalten. Die Leipziger Burschen-
schaft erhielt in den Verhandlungen den Auftrag, gemeinsam
mit den Hallensern die Wiedererrichtung der Burschenschaft in
Berlin zu versuchen. Die Leipziger Burschenschaft trat dann
noch besonders durch einen Antrag hervor, der von Bercht be-
gründet wurde und bei seiner Annahme eine weittragende Wir-
kung gehabt hätte. Einer der Teilnehmer, der stud. theol. Karl
Kerlen, berichtet darüber in einem Geständnis folgendes*):
„Der Abgesandte der Universität Leipzig trug auf dem
Burschentag vor, wie die Zöglinge der Forstakademie zu Tharandt
hereits vor längerer Zeit bei der Burschenschaft zu Leipzig
darauf angetragen hätten, in Verbindung mit der Burschenschaft
treten zu dürfen; es wurde infolge dieses Vortrags auf dem
Burschentag darüber verhandelt, in welcher Art die Forst- und
Bergakademien sich burschenschaftliche Vereine bildeten, welche
förmlich nach den Gesetzen der Burschenschaft lebten und zu-
sammenhielten, dieselben sich an eine bestimmte Burschenschaft
und zwar an die nächste Burschenschaft auf der zunächst ge-
legenen Universität anschließen dürften; daß jedoch die burschen-
schaftlichen Vereine auf Forst- und Bergakademien keine Depu-
tierte zu den jährlichen Burschentagen senden sollten".
Mit dieser vom Burschentage beschlossenen Angliederung
war die Verbindung mit der Burschenschaft auf der Tharandter
Porstakademie, die schon früher lebhaftes Bestreben jenes Teilea
») Rep. 77, XVin,l Vol. 4 S. 185-188.
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— 48 —
gewesen war, zur Verwirklichung gebracht, wenigstens insoweit^
als die bisherigen Schwierigkeiten jaus dem Wege geräumt
worden waren. Die burschenschaftliche Bewegung scheint aber
dort sowohl wie auf der Freiberger Bergakademie bereits da-
mals erloschen gewesen zu sein, wenigstens hören wir nichts
mehr davon, und auch ein so zuverlässiger Zeuge wie Bercht,^
der sehr genau eingeweiht war, weiß von diesem Zeitpunkt ab^
nichts mehr davon. Ebenso ergab die 1824 eingeleitete Unter-
suchung des Geheimen Finanzkollegiums keinerlei Beweise, die
über das Jahr 1820 hinausreichten.
Als Bercht) der nach dem Burschentage noch eine Beisä
durch Bheinland und Westfalen unternommen hatte, nach
Leipzig zurückkehrte, erstattete er in einer allgemeinen Burschen-
schaftsversammlung auf dem „Beil" Bericht über den Burschen-
tag. Hierbei wurde Fischer sehr lebhaft angegriffen wegen
seiner Verschleierung in der Beschaffung der Reisekosten für
Bercht. Er erklärte infolge dieser Angriffe seinen Austritt aus
der Burschenschaft, trat aber dann nach kurzer Zeit wieder ein.
^V. Die Beziehungen der Leipziger Burschen-
schaft zum Geheimen Bund und die Unter-
suchung von 1823.
Seit dem Beginn der Verfolgungen hatte sich allmählich in
den Anschauungen der Burschenschaft eine Wandlung vollzogen.
Die gemäßigte, den Tatsachen Rechnung tragende Bichtung, die
aUmählich auf dem Boden einer gewissen Konzessionspolitik
herangewachsen war, hatte unter dem geistigen und moralischen
Druck, den die Regierungen gerade auf die studierende Jugend
ausübten, einer radikalen Strömung weichen müssen. „So er-
hielten Teile der Burschenschaft den Charakter einer mystischen
Verschwörung mit allerhand unerfreulichen Begleiterscheinungen
des Theatralischen, der Unklarheit und der Unaufrichtigkeit."^>
Von dieser Strömung war im Frühjahr 1821 der Geheime^
^) Böttger, Geschichte der deutschen BarscheDSchaft S. 109,
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— 49 —
Bund*) gegründet worden, dessen Zweck „Bildung für die Er^
strebung der Einheit und Freiheit deutscher Nation" war.
Dieser Bund, an dessen Wiege Karl Folien Pate gestanden
hatte, war in Wirklichkeit nichts weiter als das Erzeugnis
einiger überspannter Geister, die dann in dieser geistigen
Gärnngszeit mehr und mehr Anhänger an sich heranzogen.
Praktische Ziele waren niemals vorhanden; man gefiel sich in
einem äußerlichen Verschwörertum, das den italienischen Ge-
heimbünden nachgeahmt war, und berauschte sich an tönenden
Phrasen. Die Bedeutungslosigkeit dieses „Jünglingbundes" —
wie er auch genannt wird — geht schon daraus hervor, daß
er nur 150 Mitglieder in Deutschland zählte.
Nach Leipzig hatten die Bestrebungen des „Geheimen
Bundes^* 1822 herübergegriffen. Zwar war Robert Müller schon
seit 1821 Mitglied; aber dieser verbüßte eine zweijährige Karzer-
strafe, wodurch ihm jede Gelegenheit genommen war, für diese
Ziele zu wirken. Um nun auch in Leipzig Boden Zugewinnen,
reisten zu Pfingsten 1822 von Halle Giemen und Hildebrand
nach Leipzig. Sie wandten sich hier an Bercht, der ihnen nach
seiner ganzen Anschauung und Tätigkeit als zur Mitgliedschaft
geeignet erschien und machten ihn mit ihren Ideen vertraut,
ohne ihn allerdings in den Geheimen Bund aufzunehmen. Da-
mit war aber auch vorläufig ihr Erfolg erschöpft, und ebenso-
wenig scheint Bercht selbst für diese Ideen weitergeworben
zu haben.
Einen erneuten Anstoß erfuhr diese radikale Strömung
innerhalb der Leipziger Burschenschaft durch die Ankunft der
Jenenser Bundesmitglieder Rudolf Hase und Schwarz.*) Sie
^) Ober den Geheimen Bund vgl. Fränkel, Politische Gedanken und
Strömungen in der Burschenschaft um 1821 — 1824, in den Quellen und Dar-
steUungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheits-
bewegung Bd. 3 S. 241—326. AUerdings weiß Fränkel über Leipzig fast
nichts zu berichten.
^) Das Folgende nach Aussage Berchts vom 81. März 1824, Geh. Staats-
archiv in Berlin Rep. 77, XVni,2, S. 96—108. Die ausführlichen Angaben
Berchts hier wie zu anderen Punkten können an der Hand anderer Ver-
höre durchweg kontroUiert werden und erweisen sich, abgesehen von
manchen (Tedächtnisfehlern, als durchaus zuverlässig.
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— 50 —
wandten sich an Bercht und wurden von ihm anf dem damaligen
Borschenhanse „Lehmanns Eaffeehans'^ eingeführt. Durch Über-
redung gewannen sie mehrere Vorstandsmitglieder, und es wurde
Ton Bercht, Bartsch, Efihn, Mühl, Petri und Bohde ein engerer
geheimer Verein gegründet. Bei der Stiftung hielt Hase eine
Rede, die vollkommen die Unklarheit dieser Geister kenn-
zeichnet. Er betonte darin unter vielen Phrasen außerordentlich
stark den revolutionären Zweck. Darüber entstand unter den
neuen Mitgliedern starke Beunruhigung, und es wurden deshalb
Bartsch und Bercht nach Halle, Boehme und Otto Schade^) nach
Jena gesandt, um Aufklärung darüber zu erlangen. „Hier
wurden sie aber darüber bedeutet, daß Hase in seinen Phanta-
sien zu weit gegangen sei."^)
Das Geheimnis des engeren Bundes wurde von den Mit-
gliedern auf das Strengste gehütet: die Allgemeinheit erfuhr nie
etwas davon. Nur die engeren Vereine an den einzelnen Uni-
versitäten wußten voneinander und hielten eine gegenseitige
Verbindung aufrecht So war auch bereits bei der Gründung
des Leipziger engeren Vereins die Verbindung mit Jena und
Halle durchgeführt worden, besonders mit dem Hallenser Verein
bestand durch gegenseitige häufige Besuche eine enge Ver-
bindung. Bei dieser Verbindung war jedoch jeder schriftliche
Verkehr untersagt, um den Behörden die Möglichkeit von schrift-
lichen Beweismitteln zu nehmen. Es war dies um so wichtiger,
als ja die engeren Vereine die Vorschulen des geheimen Bundes
waren: in ihnen erhielten die Mitglieder des geheimen Bundes
ihre Vorbereitung. Daher brauchten die Mitglieder der engeren
Vereine auch nicht unbedingt Burschenschafter zu sein: so ge-
hörte dem Leipziger Verein ein gewisser Canz an, der nicht
Mitglied der Burschenschaft war.
Die Burschenschaft stand somit im Winter 1822 — wenn
auch im verborgenen — in voller Blüte. Die Folgen der Unter-
suchung von 1821 waren verwischt, und man wiegte sich wieder
^) Boehme und die Gebrüder Schade waren ebenfalls kurz darauf auf-
genommen worden.
*) Aussage Berchts vom 31. März 1824.
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— 51 —
in yoller Sicherheit, zumal auch die getroffenen Vorsichtsmaß-
regeln eine Entdeckung aasgeschlossen erscheinen ließen. Und
doch sollte diese in kurzer Zeit eintreten.
Bei Gelegenheit ihrer Untersuchungen war die Mainzer
Zentral-Untersuchungskommission auf den stud. Alfred Becher
in Berlin aufmerksam geworden. Auf ihr Ansuchen wurde von
den Berliner Behörden im März 1823 eine Haussuchung und
ein Verhör bei Becher angestellt Hierbei fand man nun die
sämtlichen auf dem Odenwalder Burschentage vereinbarten Deck-
adressen, die Becher leichtsinnigerweise in sein Notizbuch ein-
getragen hatte.
Unter diesen Deckadressen befand sich auch die für den
Verkehr mit der Leipziger Burschenschaft bestimmte, die auf
den Namen des „Eommis der Brockhaussenschen Buchhandlung'^
Franz Volckmar lautete. Das preußische Polizeiministerium be-
nachrichtigte das Leipziger Universitätsgericht hiervon, worauf
dieses sogleich eine Untersuchung einleitete.^) Volckmar gab
bei seiner Vernehmung auf dem Eriminalamt an, daß er diese
Briefe an den stud. theol. Bercht weitergegeben habe, bei dem
sofort eine Haussuchung vorgenommen wurde.
Diese Untersuchung war so geheim geführt worden, daß
die Burschenschaft davon vollkommen überrascht wurde. Nichts-
destoweniger wurde aber bei Bercht sehr wenig gefunden, da
er die Vorsicht gebraucht hatte, sämtliche Schriftstücke auf
einem Boden versteckt aufzubewahren. Beschlagnahmt wurden
nur einige Zettel, die die Namen der Mitglieder des Ehren-
gerichts und des Ausschusses enthielten. Immerhin war es den
Universitätsbehörden möglich, auf Grund dieser Namen weiter-
zuforschen, und dabei fiel ihr nun sehr belastendes Material in
die Hände. Zuerst wurde eine Haussuchung bei Mühl vor-
genommen. Hier wurde eine Verfassung der Leipziger Burschen-
schaft mit schwarz-rot-goldenem Umschlage gefunden, außerdem
Beitragslisten einer Reihe von Studenten, wovon er allerdings
behauptete, es seien Sammlungen für die Griechen gewesen. Sehr
^) Das Folgende nach Leonhardt, Aus den Jugendtagen der Leipziger
Burschenschaft. Burschenschaftl. Blätter S.-S. 1910 Heft 1 S. 1—8.
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— 62 —
belastend war ein Zettel, der bei ihm beschlagnahmt wurde,
nnd eine Quittung von Bartsch an die Burschenschaftskasse
darstellte.
Auf Grund dieser Beweisstücke wurde dann eine Unter-
suchung angestellt. Nach langen Vernehmungen und Verhören
wurde im November 1823 die Anklage wegen Teilnahme an
verbotenen Verbindungen gegen sechszehn Angehörige der
Burschenschaft erhoben. Gegen einen Teil derselben konnte
nach den negativen Ergebnissen der Untersuchung die Anklage
nicht aufrechterhalten werden. Mit dem consilium abeundi
wurden am 20. Dezember Bercht, Bartsch, Mühl, Scharf, Auer-
bach, Oberländer und die Brüder Schade bestraft. Vorher war
bereits im Juni 1823 auf Grund der Geständnisse des ehemaligen
Jenaer Delegierten CarlWeddo von Glümer eine Untersuchung
gegen die Studenten Meyer und Meißner wegen ihrer Teilnahme
am Streitberger Burschentage eingeleitet worden, die aber nach
einem Schreiben des sächsischen Ministers von Minckwitz an
den preußischen Gesandten in Dresden von Jordan „aus Mangel
zureichender Überftthrungsmittel zu keinem Resultat geführt
hat".^)
Wenn die Untersuchung gegen den anderen Teil kein
Resultat ergab, so lag die Veranlassung hiervon an dem lang-
samen Vorgehen der akademischen Behörden. So wurde Bercht
nach seiner Inhaftnahme zehn Tage lang Zeit gelassen, ehe sein
erstes Verhör stattfand. Innerhalb dieser Zeit war natürlich
alles Verdächtige entfernt worden, und ebenso hatte man sich
auf gleichartige unverfängliche Aussagen geeinigt. So ergaben
denn auch die ganzen späteren Vernehmungen nichts Be-
lastendes: Ausschuß und Ehrengericht erschienen nach den überein-
stimmenden Angaben als eine harmlose Einrichtung, die bei
gelegentlichen Streitfällen unter Freunden durch gütliches Zu*
reden den Frieden wiederherzustellen sich bemühten. Auch
sorgfältigere Haussuchungen ergaben nichts, da sofort nach
Berchts Verhaftung die gesamten Papiere der Burschenschaft,
die auf dem Boden der Wirtsleute des damaligen Schreibers
*) Kgl. Geh. Staatsarch. zu Berlin Rep. 77, XVEI, 1 Vol. 4 S. 141.
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— 63 —
Karg versteckt lagen, verbrannt wurden. Auch die Organisation
wurde in formloserem Sinne geändert. Herrmann und Bartsch
hatten dazu einen neuen Entwurf ausgearbeitet, der schon nach
vierzehn Tagen angenommen wurde. Die Ausschußmitglieder
mußten diese neue Fassung auswendig lernen, dann wurde die
einzige Niederschrift sofort verbrannt, so daß die Verfassung
jetzt nur noch von Mund zu Munde lebte. Auch die neue Ver-
fassung behielt die Gesamtheit und Klasseneinteilung bei. Die
Leitung wurde von den Geschäftsführern besorgt, neben denen
der Ausschuß und das Ehrengericht bestand. Die Wahl dieser
Behörden erfolgte halbjährlich durch relative Stimmenmehrheit,
während der Sprecher monatlich in den abgehaltenen Ver-
sammlungen gewählt wurde. Die Geschäftsführer waren vier:
Pfleger, Rechner, Zeugwart und Burschenhausvorsteher. Im
übrigen galten die Bestimmungen der alten Verfassung fort.^)
Auch unter dieser Verfolgung litt das Leben in der Burschen-
schaft keineswegs: im Gegenteil spornte die Gefahr zu festerem
Zusammenhalten und regerer Arbeit an. Es schwebten gerade
in dieser Zeit mit den Landsmannschaften Unterhandlungen über
einen neu zu errichtenden Paukkomment; jedoch brachen die
letzteren im Juni 1823 die Verhandlungen „wegen der üblen
Lage der Burschen" ab. Sie befürchteten wohl nicht mit Un-
recht, dann unter Umständen mit in die Untersuchung hinein-
gezogen werden zu können. Das innere Leben der Burschen-
schaft erhielt eine Aufmunterung durch den Besuch des Grafen
Keller, der im Mai nach Leipzig kam und sich hier im Kreise
der Burschenschaft aufhielt. Je länger die Untersuchung dauerte,
desto lässiger wurde die Überwachung ausgeübt, so daß man
allmählich sich dadurch nicht mehr beirren ließ. Auch die Re-
gierung in Dresden zeigte — abgesehen von einigen Anfragen —
kein weiteres Interesse, allerdings um so mehr die preußische Re-
gierung. Der Berliner Polizeiminister von Schuckmann wollte
die sächsische Regierung zu schärferem Vorgehen drängen, aber
diese ließ sich nicht darauf ein. Auch eine Übersendung der
Untersuchungsakten an die preußischen Behörden schlug sie ab;
1) Akten des Kgl. Geh. Staatsarch. zu BerUn Rep. 77, XVIH, 1 Vol. 4
S. 812-316.
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— 54 —
Um anf alle Fälle eine genaue Kenntnis zu erhalten, wnrde
daraufhin von Berlin aus der Hofrat Falkenberg, der Vorsteher
des Sicherheitsbnreaus im Berliner Polizeipräsidium, zur Einsicht-
nahme nach Leipzig gesandt, der dann auch am 26. September
einen ausführlichen Bericht nach Berlin lieferte.
Der Verkehr mit anderen Universitäten war durch diese
Untersuchung im Anfang unterbunden worden, da fast alle Ver-
dächtigen mit „weitem Arrest" belegt worden waren. So fehlte
auch Leipzig auf der Burschenschafterzusammenkunft zu Harz-
gerode im Juni, wo Burschenschafter von Göttingen, Halle und
Jena versammelt waren. Bald änderte sich dies aber: vor
allem der Verkehr mit Halle wurde wieder aufgenommen. Von
dort brachte im Juni Boehme die Nachricht mit, daß die
Hallenser eine Turnfahrt nach Lützen veranstalten würden.
Der Gedanke wurde auch in Leipzig aufgegriffen, und im August
fanden sich in Lätzen etwa 30 Leipziger und 30 Hallenser
Burschenschafter zusammen, die dort einen gemeinsamen
Kommers feierten.
Im August 1823 kam Buge von Jena über Halle und sagte
vor dem zusammenberufenen Ausschuß einen Burschentag an.
Die Heidelberger Burschenschaft war Vorsitzende gewesen, hatte
aber wegen der dort schwebenden Untersuchungen den Vorsitz
an Erlangen abgegeben. Dieser Burschentag sollte am 1. Oktober
in Ansbach abgehalten werden. Angesichts der überall vor-
genommenen Untersuchungen schien aber jetzt ein Burschentag
sehr gefährlich. Man sah dies auch ein, denn einige Wochen
später kam Herbst von Erlangen und sagte ihn wieder ab.
Am 31. Oktober beging die Leipziger Burschenschaft die
Feier des Reformationsfestes durch einen Kommers auf der
„Großen Funkenburg", wie dies jedes Jahr geschah. Dabei
waren auch eine Anzahl Hallenser anwesend, in deren Namen
Wislicenus zu einer Burschenschafterzusammenkunft in Halle
Weihnachten 1823 einlud. Diese Versammlung fand dann in
den Weihnachtsfeiertagen in dem Dorfe Passendorf bei Halle
statt.^) Aus Leipzig waren erschienen Bercht, Boehme,
^) S. Aussage Boehmes vom 12. Jali 1824. Geh. Staatsax eh. zu Berlin
Rep. 77, XVUI, 2 S. 77 und Berchts vom 1. April 1824 ebendaselbst S. 109—142.
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— 55 —
V. Breitenstern, Kippe, Mühl und die beiden Brüder Schade.
In den Besprechungen wurde Halle die Geschäftsführung für
das nächste Jahr übertragen. Ein Thema, das lange Erörte-
rungen fand, war die „Schweizerfrage". Schon im Jahre vorher
hatte sich der Schweizer Zofingerverein^) zwecks eines näheren
Anschlusses an die deutsche Burschenschaft gewandt, aber
die Angelegenheit war damals hinhaltend verhandelt worden.
In Halle stand diese Frage wiederum zur Debatte, und
hier wurde die Bitte des Zofingervereins, „als integrierender
Teil der deutschen Burschenschaft zu gelten", abgelehnt
Man hielt es unter den obwaltenden Verhältnissen und bei
der landschaftlichen Verschiedenheit nicht für angebracht, die
Zofinger aufzunehmen.
Das Verhältnis zu den Landsmannschaften in Leipzig war
in dieser ganzen Zeit durch die fortwährende Bedrückung und
die langwierigen Untersuchungen, die beide Teile notwendig
zusammenführten, ein verhältnismäßig gutes gewesen. Man
stand sich ja immer noch feindlich gegenüber, aber man trug
den gegebenen Verhältnissen Rechnung. Die gegenseitigen
„Skandale" wurden durch Mensuren erledigt. Im Laufe des
Jahres 1824 wurde dann eine Verständigung durchgeführt, die
für Streitigkeiten ein gemeinsames Ehrengericht beider Parteien
bestimmte. Ein interessantes Streiflicht auf dieses Verhältnis
wirft eine Meldung aus dem Seniorenkonvent der Landsmann-
schaften vom 14. Februar 1824. Ein ehemaliger Student und
damaliger Schauspieler Zeuner hatte an die Landsmannschaften
einen Brief gerichtet, worin er bat, wenn er im Theater auf-
treten würde, ihn nicht als ehemaliges Mitglied der Burschen-
schaft zu betrachten und „auszupochen", sondern ihn gelind zu
beurteilen. Zur näheren Erklärung muß man sich vergegen-
wärtigen, daß die Leipziger Studentenschaft in dieser Zeit das
lebhafteste Theaterinteresse hegte, so daß es für einen Leipziger
Musensohn beinahe als Schande galt, der Neuaufführung eines
^) über die Beziehungen zwischen Barschenschaft und Zofingerverein
vgl. (Schneider) Barschenschaf tl. Blätter 1893/94 S. 169 ff. und (Dietz)
BurschenschafÜ. Blätter 1895/96 S. 1—4, 33—37.
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— 56 —
Stttckes nicht beigewohnt zu haben. Die Studentenschaft, deren
Lob oder Tadel für die günstige Aufnahme eines Stückes oder
eines Schauspielers maßgebend war, hatte das ganze Parterre
inne, wobei je eine Hälfte von der Burschenschaft und den
Landsmannschaftem besetzt war.
VL Neue Untersuchungen und Selbstanzeige
der Burschenschaft
Aber schon brachen neue Verfolgungen über die Leipziger
Burschenschaft herein. Der Anstoß hierzu ging von der Mainzer
Zentraluntersuchungskommission aus, die jetzt den
Streitberger Burschentag „entdeckt" hatte. Die Leipziger üni-
versitätsbehörde erhielt nochmalige Mitteilung von der Teilnahme
von Meyer und Meißner an diesem Burschentage. Am 9. März 1824
wurden beide wiederum festgenommen und verhört. Zunächst
stritten sie alles ab, schließlich legten sie aber am 16. März ein
teilweises Geständnis ab, wenigstens früher in den Jahren 1820
und 1821 der Burschenschaft angehört zu haben und auch am
Streitberger Burschentage teilgenommen zu haben. Meißner gab
auch die Existenz der Hallenser Burschenschaft an, die sich
„Quellengesellschaft" nannte.
Noch im März wurde dann auf Grund neuerer Angaben
auch der stud. Kühn verhaftet. Die Überwachung wurde diesmal
strenger geführt, und ein Versuch, wie bei früheren Unter-
suchungen durch Übermittelung von Zetteln aus dem Karzer
gleichlautende Aussagen zu erzielen, wurde entdeckt. Bei der
daraufhin vorgenommenen Bevision wurde bei Kühn ein Zettel
gefunden, den Boehme an ihn geschrieben hatte, worauf Boehme
ebenfalls verhaftet wurde.
Als man innerhalb der Burschenschaft merkte, daß die
Untersuchung diesmal ernsthafter angefaßt wurde, versuchte man
diesen Schlag zu parieren und sich wenigstens vor allzu-
schlimmen Folgen zu schützen. Deshalb ging am 1. Juni beim
Universitätsgericht eine Selbstanzeige von einundzwanzig Bur-
schenschaftern ein, der wenige Tage darauf eine zweite von
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— 67 —
weiteren neunzehn Mitgliedern folgfte.^) Die sämtlichen Bur-
schenschafter wurden „mit weitem Arrest'' belegt und nach
und nach in Verhören zur Untersuchung herangezogen.
In den ausfuhrlichen Vernehmungen findet sich eigentlich
wenig Neues über die Burschenschaft. Die Beteiligten sagten
in der Regel nur gleichgültige oder schon seit langem bekannte
Tatsachen aus, so daß im wesentlichen keine neuen Fest-
stellungen gemacht werden. Auch die Organisation ist die alte
geblieben, wobei nur die Durchführung von kleinen Botten
oder Klassen — als Sicherheitsmaßregel — noch schärfer als
früher betont ist. Im übrigen bestand bei den sämtlichen Aus-
sagen eine auffällige Übereinstimmung, die unbedingt darauf
schließen läßt, daß vor der Selbstanzeige die Beteiligten sich
darüber genau verständigt hatten.
Den einzigen neuen Aufschluß, der vou Bedeutung war,
boten die Vernehmungen in Hinsicht burschenschaftlicher Be-
strebungen auf sächsischen Gymnasien. Die Aussagen einzelner
Burschenschafter und ehemaliger Mitglieder solcher burschen-
schaftlichen Schülerverbindungen gewähren einen interessanten
Einblick in diese Bewegung. Burschenschaftliche Vereine be-
standen auf den Gymnasien in Altenburg, Chemnitz, Plauen
und Zwickau. In Chemnitz allein bestanden nicht weniger als
drei Verbindungen mit den Namen Amicitia, Constantia und
Philadelphia. Diese Vereine hatten sich sogar zu einem regel-
rechten Verband zusammengeschlossen, der genau wie die deut-
sche Burschenschaft gegenseitige Unterstützung und Gastfreund-
schaft vorsah und jährlich eine Delegiertenzusammenkunft hatte ;
durch schriftliche Mitteilungen hielt man die anderen Vereine
auf dem Laufenden. Auch mit entfernter liegenden Gymnasien
wie Hof und Bayreuth war man in Verbindung getreten. Die
^) Eine Liste der verhörten Burschenschafter enthält folgende Namen:
Huth, Boehme, Rossack, Sauppe, Schnabel, Brachmann, Espe, Fleischmann,
Lange, Fiedler I, Fiedler II, IQemm, VoUert, Flemming, Mittler, Mücke,
Sintenis I, Sintenis U, Poeschel, Klinkhardt, Rabich, Schedlich, Schüler,
Zahn, Dietzsch, EttmüUer, Unger, Häoßler, Nanndorf, Hübner, Kummer,
Kurz, Preisker, Schulze, Sixt, von Unwertb, Uhlmann, Findeisen, Schmidt,
Leyser, Mehnert, Lindemann, Geudtner, Meussel, Fischer.
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— 58 —
Mitglieder dieser Verbindung gingen meist nach Leipzig auf die Uni-
versität und traten in die Burschenscbaft ein, von wo aus sie
die Schttlervereine immer noch beeinflußten. Die Untersuchungen
über diese burschenschaftlichen Gymnasialverbindungen zogen
sich bis ins Jahr 1826 hin. Am 1. Nov. 1826 wurde dann eine
königliche Verfügung erlassen, wonach die Bektoren sämtlicher
sächsischer Gymnasien die Abiturienten vor ihrem Abgange zur
Universität vor der Burschenschaft warnen sollten.^)
Die sämtlichen Beteiligten wurden wegen ihrer Teilnahme
auch zur Verantwortung gezogen, doch fiel wegen der frei-
willigen Selbstanzeige die Strafe nicht hart aus. Einzig und
allein Geudtner erhielt das consilium abeundi und zwar wegen
eines während der Untersuchung vorgekommenen tätlichen
Exzesses; die andern kamen mit Earzerstrafen von 1 bis 3
Wochen davon. Außerdem wurde allen ein feierliches Ver-
sprechen abgenommen, an keiner verbotenen Verbindung mehr
teilzunehmen. Die gemeinsame Karzerhaft war natürlich gar nicht
drückend: man vertrieb sich die Zeit so gut wie möglich und
daß dies in genügender Weise geschehen ist, geht daraus hervor,
daß sich die Bewohner des Paulinums mehrfach beim Universitäts-
gericht über „ungebührliches Lärmen und Schreien der Inkar-
zerierten und Singen unsittlicher Lieder" beschwerten. Doch
hatte die Untersuchung immerhin die Wirkung, daß die Burschen-
schaft jetzt eine Zeit lang so gut wie aufgelöst war, zumal da
auch die Untersuchungen wegen des engeren Vereins und des
Jünglingsbundes weitergeführt wurden.
Die Schärfe der Untersuchung war auch durch die Er-
nennung eines neuen Begierungsbevollmächtigten herbeigeführt
worden. Am 10. Juli 1824 wurde von Gersdorfif versetzt und an
seine Stelle trat der bisherige Geheime Pinanzrat von Ende
als „Oberhofrichter und Präsident des vereinigten Kriminal- und
Polizeiamts". Mit ihm zog ein erheblich schärferer Geist in die
Untersuchungen ein. Vor allem bemühte er sich, die milde
Handhabung der Untersuchung durch die Universitätsbehörden
^) Akten des Leipziger Universitätsarchivs über die alte Leipziger
Barschenschaft.
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— 69 —
anszuschalten , und es wird sicherlicli anf seine Urheberschaft
zurückzufahren sein, daß ein königliches Mandat vom 21. März 1825
von nnn an die Eriminalnntersachnng gegen alle Mitglieder der
Burschenschaft anordnete und sie der Bekleidung aller öfEent-
lichen Ämter unfähig erklärte.^) Damit war im letzten Grunde
überhaupt den Universitätsbehörden ihr Jurisdiktionsrecht ge-
nommen. Als bei der späteren Untersuchung im Jahre 1826
von Seiten von Endes ebenso verfahren wurde, beschwerte sich
am 3. März der akademische Senat bei der Begierung, da die Über-
tragung der Untersuchung an von Ende für die Universität
kränkend sei. Daraufhin wurde dann am 18. März eine besondere
Untersuchungskommission gebildet, der außer von Ende auch
der Universitätsprofessor Dr. Klien und der Universitätssyndikus
Dr.Käling angehörten.
Durch das ganze Jahr 1825 zogen sich diese Unter-
suchungen, die sich aber, da die meisten Verhafteten als Aus-
länder anderen Gerichten unterstanden, auf Kühn, Kippe und
Fischer beschränkten. Am 10. Juli erstattete das Leipziger
Kriminalamt über die Untersuchung gegen Kühn und Kippe
einen Bericht,*) aus dem mit voller Sicherheit hervorging, daß
diese beiden nicht nur Mitglieder des engeren Vereins, sondern
auch des Jünglingsbundes waren. Daraufhin wurden Kühn und
Kippe durch das Urteil des Schöffenstuhles in Leipzig, das von
der juristischen Falkultät bestätigt wurde, zu vier bezw. zwei
Jahren Zuchthaus verurteilt. Beide reichten Gnadengesuche
ein, die vom Ministerium befürwortet wurden. Den Gesuchen
wurde auch stattgegeben und die Strafe vom König Friedrich
August am 6. Juni 1826 in „verhältnismäßiges Gefängnis und
Relegation von der Akademie" verwandelt.
Die verbotene Burschenschaft hatte sich nach der Unter-
suchung von 1824 für einige Zeit scheinbar aufgelöst, um die
Wachsamkeit der Behörden einzuschläfern. Aber schon im
Jahre 1825 traten die Mitglieder wieder zusammen; die Be-
^) Acta die Aufrechterhaltung der Ordnung auf deutschen Universi-
täten betr. Kgl. Hauptstaatsarch. zu Dresden 2343 S. 38.
^) Acta betr. die Aufrechterhaltung der Ordnung auf deutschen Uni-
versitäten. Kgl. Hauptstaatsarch. zu Dresden 2343 S. 133—149.
Leonhardt. 5
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— 60 —
geisterung für die burschenschaftliche Idee hatte auch unter den
Verfolgungen der Behörden nicht ertötet werden können. Die
Wiedererrichtung bedurfte natürlich der größten Heimlichkeit,
aber sie erfolgte, und bald betätigte sich die Burschenschaft
wieder sehr lebhaft.
Vor allem waren es Verhandlungen mit den Landsmann-
dchaftem, die die Burschenschaft beschäftigten. Man war auf
beiden Seiten des Verrufs überdrüssig — vielleicht unter dem
Druck der Verhältnisse, die auf ein Zusammengehen gebieterisch
hinwiesen — und versuchte zu einem besseren Verhältnis zu
gelangen. Im Juli und August 1825 kam es zu Verhandlungen
zwischen beiden Teilen, und am 25. August wurde der neue
Komment unterschrieben. Die Annalen der Lusatia^) berichten
darüber: „Endlich wurde ein ,Brauch* festgesetzt und gegen-
seitig unterschrieben. In diesem wurde ein Ehrengericht von
selten der drei Korps anerkannt , welches über die Zulassung
oder vielmehr über die Legitimität und Illegitimität der zwischen
Landsmannschaften! und Burschen kontrahierten Suiten ent-
scheidend abzustimmen hatte. In dieses Ehrengericht gehörten
allemal drei Landsmannschafter und drei Burschen. Außerdem
hatte die Partei des Beleidigten jedesmal einen besonderen
Ehrenrichter mitzubringen, desse Stimmen entscheidende Kraft
hatte, sobald sich die übrigen nicht vereinigen konnten. So
war denn endlich die längst gewünschte Möglichkeit, Satis-
faktion mit den Waffen von Burschen zu nehmen und ihnen zu
geben, wiederum vermittelt. Daß aber diese Sache noch zu-
stande kam, daran hatte vorzüglich unser Katzer lobenswerten
Anteil, indem er sich derselben annahm. Die Burschen ver-
anstalteten infolgedessen einen derben Weinkommers, wozu sie
die Korps einluden, im Hotel de Prusse".
VIL Neuorganisation 1827 und innere
Streitigkeiten.
Bald jedoch hatte die Geschäftigkeit von Endes und seiner
Unterorgane das Weiterbestehen der Burschenschaft herausge-
^) (Andree) a. a. 0. S. 52.
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— 61 —
spürt. Am 1. Januar 1826 erstattete Ende darüber Bericht an
das Ministerium. Nach verschiedenen Vernehmungen wurden
fünfzehn Burschenschafter verhaftet; der größere Teil davon
wurde zwar bald wieder entlassen, aber immerhin wurden die
^Studiosen^ Mittler, Fiedler] und der ältere Brachmann in
Haft behalten. Am 18. März erfolgte dann auf die Beschwerde
des akademischen Senats hin die bereits erwähnte Einsetzung
«iner gemischten Kommission, bei der die Universität durch
2wei Mitglieder vertreten war. Die Untersuchung dehnte sich
ziemlich weit aus : nicht weniger als 74 Studenten wurden ins
Verhör gezogen. Ende März wurden dann noch weitere neun
Mitglieder verhaftet, unter ihnen der spätere Dichter Kurz.
Am 24. Mai wurde das Urteil gesprochen. Relegiert wurden
Piedler, Kurz, Mittler, Rossack, Schulze, Zahn und der ältere
Brachmann, das consilium abeundi erhielten Eckard, Köster,
Reinhold, Rolfs, Todt, Weise, von Wiedebach und der jüngere
Brachmann. Außerdem wurden noch neunzehn Studierende mit
Karzerstrafen von 4 bis 14 Tagen belegt, während zahlreiche
andere verwarnt wurden. Die von den Verurteilten eingelegte
Appellation wurde am 17. Juli verworfen.^)
Daß unter der Wucht dieser Bestrafungen die Burschen-
schaft sich wenigstens scheinbar wieder auflösen mußte, lag
klar auf der Hand. Aber trotzdem hielten die übriggebliebenen
Mitglieder fest zusammen, um sich sobald als möglich neu zu
organisieren. Dies geschah am 12. Januar 1827: an diesem
Tage wurde die Burschenschaft unter dem Namen „Fechtboden-
gesellschaft" wieder errichtet. In den revidierten Statuten wurde
wegen der verminderten Mitgliederzahl der Ausschuß abgeschafft
und nur Vorstand und Ehrengericht beibehalten, wozu dann im
nächsten Wintersemester noch die Einrichtung der wissenschaft-
lichen Kränzchen kam. Außerdem wurde jetzt zum erstenmal
die Ehrenmitgliedschaft in bestimmte Formen gebracht
Auch in die allgemeine Burschenschaftsbewegung in Deutsch-
land trat die Leipziger Burschenschaft wieder ein. Die all-
^) über diese ganze Untersuchung s. Acta die Aufrechterhaltung der
Ordnung auf deutschen Universitäten betr. Kgi. Hauptstaatsarch. zu
Dresden 2343 S. 238-296.
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— 62 —
gemeine deutsche Burschenschaft war im Sommer 1826 von den
drei bayrischen Universitäten Erlangen, München und Wfirzburg^
wo nach dem Regierungsantritt Ludwigs I. ein freieres Regiment
Platz griff, wieder begründet worden. Die geschäftsführende^
Würzburger Burschenschaft bemühte sich nun, zur Sicherung
und Stärkung des Verbandes den Beitritt anderer Hochschulen
zu erlangen. Auf ihren Antrag traten im Juni und Juli 1827
Heidelberg, Jena und Leipzig der allgemeinen deutschen Burschen*»
Schaft offiziell bei.^)
Linerhalb des jungen Verbandes waren aber während dieses-
kurzen Bestehens schon innere Zwistigkeiten entstanden, die
schon auf den Burschentagen zu Augsburg . (Spätherbst 1826>
und 'Nürnberg (Juni 1827) behandelt worden waren und jetzt
zur Einberufung eines weiteren Verbandstages führten. Es war
dies der Gegensatz zwischen der „arministischen" und „germa-
nistischen" Richtung, der eine Reihe von Jahren für die innere
Ausgestaltung der Burschenschaft bestimmend werden sollte.
Der Gegensatz beider Richtungen ist ursprünglich zweifellos
rein studentischer Natur gewesen, während die politische Färbung
erst durch die Ereignisse des Jahres 1830 hineingetragen worden
ist. Die Trennung in innere und äußere Verbindung entfremdete
naturgemäß die Mitglieder der letzteren mehr und mehr den
spezifisch burschenschaftlichen Ideen. Sie strebten nach einem
frischen kräftigen Studentenleben, besuchten regelmäßig jeden
Abend die Kneipe und täglich den Pechtboden und verfolgten
überhaupt „mehr ein praktisch entschiedenes, einem anständigen
Satisfaktionsverhältnis mit den Korps geneigtes Leben".^ So-
entstand eine Scheidung der Geister. Im weiteren Verlauf trat
dann eine verschiedenartige politische Anschauungsweise hinzu^
bei der die tätigeren Germanen einer energischeren Betätigung
und Mitwirkung zur „Vorbereitung zur Herbeiführung eines frei
und gerecht geordneten und in volkstümlicher Einheit gesicherten
Staatslebens" das Wort redeten.
*) Dietz, Der Bamberger Burschentag 1827, Veröffentiichungen des-
Archivs für die deutsche Burschenschaft Heft 3 1895/96 S. 108—122.
^ Kolb, Die Burschenschaft Germania zu Erlangen S. Slf.
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— 63 —
Dieser Gegensatz war zaerst in Erlangen entstanden, nnd
die Erlanger Streitigkeiten bildeten anch den Gmnd aller
Burschentage. Ein für den 15. September nach der Altenbnrg
bei Bamberg berufener sollte diese Angelegenheit endgültig
regeln. Auf diesem Burschentage war Leipzig durch Burckhardt^)
nnd Ulrich vertreten.
Der Burschentag hatte sich nach keiner Seite hin definitiv-
entschieden, wohl aus dem einfachen Grunde, weil derselbe
Gegensatz auch in allen anderen Burschenschaften aufgetreten
war und man überall ein Auseinanderfallen fürchtete. Auch in
Leipzig trat fast unmittelbar darnach eine Spaltung auf, die
letzten Endes aus diesem Gegensatze heraus erwuchs. Hier
hatte die „germanistische" Eichtung*) das Übergewicht, und
von ihnen trennte sich unter der Führung eines gewissen Schütz
eine „Schütziania" ab, die den „arministischen" Standpunkt ver-
trat Diese Verbindung nahm nun gleich eine ganz extreme
JRichtung ein: sie verwarf das Duell und das Trinken. Auf
ihren Kneipen in Gohlis durfte als „StofE" nur Milch getrunken
werden.') Daß ein solches Extrem sich natürlich nicht lange
behaupten konnte, lag auf der Hand: diese „Schütziania'^ hat
«ich auch bald wieder aufgelöst
Über die Organisation und die inneren Verhältnisse der
Burschenschaft in dieser Zeit entwirft der von der Zentral-
untersuchungskommission erstattete Nachtragsbericht ein ziemlich
eingehendes Bild. Es heißt da:
Die Mitglieder der Burschenschaft zerfielen in zwei Klassen :
in die der inneren oder engeren Verbindung und in die Renoncen,
die auch äußere oder weitere Verbindung hießen. Die innere
Terbindung vereinigte in sich die gesetzgebende, richterliche
und leitende Gewalt sowie das Wahl- und Versammlungsrecht
nnd bildete somit den eigentlichen Kern des Ganzen. Aus ihr
wurden die sogen. Behörden gewählt, und sie hielt ihre be-
^) Der darüber in der «Gartenlaube' 1859 S. 43£f. berichtet hat.
^ Burckhardt bemerkt a. a. 0., „daß das ganze Auftreten dieser
<7ermanen uns vom studentischen Standpunkt aus weit mehr gefiel als das
träumerische Wesen der Arminen'.
») Schramm, Burschenschaf tl. Blätter 1802 S. 1691
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— 64 —
sonderen Versammlungen ab. Die Mitglieder der inneren Ver-
bindung hatten gleiches Stimmrecht in den Versammlungen und
trugen als Auszeichnung das dreifarbige Burschenband; sie
wurden aus den Renoncen erwählt.
Die innere Verbindung übte die gesetzgebende Gewalt allein
in ihren Versammlungen aus, nur die richterliche Gewalt in
Ehrenstreitigkeiten wurde dem Ehrengericht übertragen. Diesem
bestand aus einem Sprecher als Vorsitzenden und zwei Beisitzern
nebst zwei Anwarten oder Stellvertretern und entschied in allen
Ehrenstreitigkeiten unter Teilnehmern der Burschenschaft oder
auch zwischen diesen und anderen Studenten. Die Tendenz
desselben ging hauptsächlich dahin, Zweikämpfe möglichst zu
vermeiden. Eine zweite von der inneren Verbindung gewählte
Behörde war der Vorstand, dem die verwaltende und vollziehende
Gewalt übertragen war. Er war aus fünf Mitgliedern und zwar
Sprecher, Schi:eiber, Kassierer, Fechtwart, Kneipwart nebst zwei
Anwarten zusammengesetzt. Der Sprecher berief die Sitzungen
des Vorstandes sowohl als die Versammlungen der engeren und
weiteren Verbindung, hatte darin den Vorsitz und die Leitung
aller Verhandlungen, bewahrte die Urkunden und Papiere der
Burschenschaft, besorgte die Korrespondenz mit anderen Burschen-
schaften und Studentenverbindungen und wurde bei Verhand-
lungen nach außen als Organ und Repräsentant der Verbindung
betrachtet. Der Schreiber führte das Protokoll in den Ver-
sammlungen. Der Kassierer sammelte die Geldbeiträge von den
Mitgliedern ein, bestritt die Ausgaben und legte darüber
Rechnung ab. Der Fechtwart hatte die Aufsicht über die Fecht-
übungen und kassierte die Fechtbodengelder ein. Der Kneip-
wart sah auf Ruhe und Ordnung in der Kneipe und besorgte
die Beherbergung fremder Studierender. Vorstand und Ehren-
gericht hatten ihre besonderen Sitzungen. Von den Aussprüchen
beider Behörden galt Berufung an die innere Verbindung, der
überhaupt alle wichtigen Angelegenheiten und besonders die
Verhältnisse zu anderen Burschenschaften oder Studenten-
verbindungen vom Sprecher vorgetragen wurden. Die Renoncen
waren eine Art Vorschüler, genossen nur beschränkte Rechte
und hatten auf die Leitung im wesentlichen keinen Einfluß. Sie
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— 65 —
hatten weder Wahl- noch Stimmrecht. Das Anschließen an die
Burschenschaft geschah gewöhnlich dadurch, daß jemand Pecht-
boden und Kneipe besuchte und nach kurzer Zeit, wenn er nicht
zurücktrat, vom Sprecher durch Handschlag auf den Komment
verpflichtet wurde, wodurch er offiziell Kenonce wurde. Die
Eenoncen trugen die burschenschaftlichen Farben mit Ausnahme
der Bänder. Bei allgemeinen Angelegenheiten, die öffentliche
Feierlichkeiten, Kommerse, besondere Geldausgaben oder Kom-
mentverhäJtnisse betrafen, wurden die Eenoncen zugezogen : die
aus ihnen und den Mitgliedern der inneren Verbindung zu-
sammengesetzten Versammlungen hießen allgemeine. Ehren-
mitglieder hießen die ehemaligen Mitglieder der inneren Ver-
bindung, die nach einer bestimmten Zeit ausgetreten waren und
denen man den Besuch der Institute gestattete, sie aber von
allen Lasten entband.
Einzelne Streiflichter auf das damalige Leben in der
Burschenschaft und die täglichen Ereignisse werfen uns auch
die Briefe von Robert Schumann, dem späteren berühmten
Komponisten. Schumann kam Ostern 1828 vom Zwickauer
Gymnasium nach Leipzig, um hier Jura zu studieren. Bald
nach seiner Ankunft trat er in die Burschenschaft ein, der sein
bester Freund Moritz Semmel bereits angehörte. Als aber die
„Schfltzischen Streitigkeiten" ausbrachen, gingen beide später
zu der „Markomannia" über, die sich mit den Farben schwarz-
blau-gold abzweigte und bald darauf Korps wurde. In seinen
Briefen^) an seine Freunde berichtet Schumann auch von allerlei
Begebenheiten, die zur Burschenschaft in irgendeiner Beziehung
standen. So heißt es in einem Briefe an den stud. Gisbert Rosen
in Heidelberg^):
„. . . Es wird Dich interessieren, daß Renz sich mit dem
Grafen Brühl in Zweinaundorf paukte, daß ich dabei den
würdigen Posten eines Schleppfuchses abgab und daß Renz einen
tüchtigen Nachhieb in der rechten Seite besah. Renz hat
übrigens vorgestern der ganzen Lusatia aufgebrummt — lauter
^) Jansen, Robert Schumanns Briefe, Neue Folge, Leipzig 1904.
«) a.a.O. S.4f.
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— 66 —
welthistorische Sachen und der Annalen der Geschichte würdig.
Semmel hat keine Lust zn schreiben, läßt Dich aber herzlich
grüßen ; Matthies and Burckhardt lassen Dir weiter nichts sagen,
als daß Du ein ungeheurer Ochse, sage Ochse wärest; warum?
weiß ich nicht. Melcher hat auch Suite mit Sachsen; es fließt
jetzt unbändiges Blut in den Paukereien und fällt fast jeden
Tag eine vor . . . Semmel bekümmert sich übrigens wenig um
die Burschenschaft und lacht frenetisch über die schweblichen,
nebligen Begriffe von Volkstum, Deutschtum usw. und die in-
flammierten Burschen ärgern sich darob gewaltig".
Am 7. November schreibt er weiter an Rosen ^) :
„. . . Die Burschenschaft ist zerspalten und besteht aus
Menschen, die man zwar nicht hassen kann, weil sie gut und
fromm scheinen, aber auch nicht achten, weil sie gar zu gut,
d. h. beschränkt usw. sind. Ich kenne Alle und keinen ; außer
Flechsig und Semmel, mit denen ich tagtäglich zusammen bin,
außer Renz und Götte, der aber noch nicht hier ist, verkehre
ich mit Niemanden".
VIIL Die germanistische Burschenschaft und die
Leipziger Unruhen von 1830.
Die Burschenschaft, die nach diesen Berichten Schumanns
in nicht gerade günstigem Lichte steht, erfuhr aber bald eine
Erneuerung. War sie nach den „Schützischen Streitigkeiten"
so gut wie aufgelöst gewesen, so daß sie nicht einmal den
Burschentag zu Würzburg Ostern 1829 beschickt hatte, so fand
sich bald wieder eine Gruppe zusammen, die sie reorganisierte
und dabei vor allem den germanistischen Charakter vollkommen
durchführte. Den Sieg der germanistischen Richtung bildet die
Umarbeitung der Konstitution im August 1829, die sich ganz
nach den politischen Anschauungen der Germanenpartei richtete.
Wie man sich diese politische Tendenz dachte, darüber geben
die folgenden Paragraphen Auskunft. Es heißt da*):
1) a. a. 0. S. 13 f.
^) Nach einer im Jahre 1850 von stad. med. Ferdinand Götz mit
Unterstützung von Dr. Burckhardt verfaßten Chronik der alten Leipziger
Burschenschaft (im Besitze der Leipziger Burschenschaft Germania).
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— 67 —
Der Aufzunehmende wird vom Präsidenten befragt, ob er
fiberzeugt sei von dem Unzeitgemäßen, der Volksfreiheit Wider-
sprechenden, somit auch Unrechtmäßigen der jetzigen Verfassung
Deutschlands, welche obendrein durch die unselige Zersplitterung
das Vaterland schände ? Ob er den festen Willen habe und sich
stark genug fühle, diesen als schlecht und verwerflich an-
erkannten Verfassungen sein ganzes Leben durch entgegen-
zuarbeiten, selbst an einem Aufstande gegen dieselbe teil-
zunehmen und Gut und Blut zu wagen?
§5.
Denn die allgemeine Teutsche Burschenschaft hat im März
dieses Jahres beschlossen, sich Volksbewegungen und Aufständen
anzuschließen, das illiberale Prinzip auch mit den Waffen in der
Hand zu bekämpfen ; an Revolutionen, durch welche die Einheit
Teutschlands festgestellt werden könne, sich anzuschließen und
der Verbindung lebenslang zuzugehören: durch Schriften und
Aufsätze über politische Gegenstände in Tagesblättern auf das
Volk wirken und der praktisch-politischen Tendenz, d. h. dem
tätigen Eingreifen in die Verhältnisse der Staaten Eingang ver-
schaffen zu lassen.
Die neu konstituierte Burschenschaft suchte auch das Ver-
hältnis zu den Landsmannschaften wieder zu regeln. Das 1825
abgeschlossene Abkommen war im Februar 1828 aufgehoben
worden, weil die Burschenschaft die Ausdehnung des Ehren-
gerichts über alle Kontrahagen auf der Leipziger Universität
forderte. Seitdem hatte wiederum der Verruf bestanden, den
jetzt aufzuheben die Burschenschaft sich bemühte. Die Ver-
handlungen zogen sich aber — wie dies gewöhnlich der Fall
war — sehr schleppend hin, so daß es vorläufig noch zu keinem
Ergebnis kam. Daß die gegenseitige Eifersüchtelei aber nie-
mals ruhte, beweist folgender kleine Vorfall. Zu Ostern 1829
war ein Hallenser Burschenschafter nach Leipzig zu Besuch ge-
kommen. Dieser hatte seinen Hund mit großen Vatermördern
und den Farben einer Landsmannschaft geschmückt. Daraus
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— 68 —
entstand eine große Schlägerei zwischen Barschenschaftem nnd
Landsmannschaf tem, so daß schließlich die Behörden ein-
schreiten mußten. Ein näheres Verhältnis zu den Landsmann-
schaften oder Korps, wie sie sich in dieser Zeit zu nennen an-
fangen, trat erst 1830 ein. Den Grund hierzu büdete wiederum
das Vorgehen des ßegierungsbevollmächtigten v. Ende gegen
die Studentenschaft, das die einzelnen Gruppen zusammenbrachte.
Bei der dreihundertjährigen Jubelfeier der Übergabe der Augs-
burgischen Konfession im Juni verbot y. Ende den Studenten
das Tragen der von dem Rektor Professor Krug für den Fest-
zug gestatteten Uniformen.^) Die Verhandlungen zwischen
Burschenschaft und Landsmannschaften hatten vorher zu einer
Einigung geführt, wonach die letzteren den Festzug, die
Burschenschafter den Fackelzug anführen sollten. Nun aber
blieben sie in großer Erregung den Aufzügen fem, und es kam
sogar am Festabend zu mehreren Zusammenstößen mit der
Polizei, wobei ein junger Kaufmann getötet wurde.*)
Waren es hierbei weniger die Studenten als überhaupt die
Masse des Volkes, die an diesen Tumulten beteiligt war, so ist
der Schlüssel hierfür unschwer in der gesamten politischen Lage
zu erkennen und in der Gärung, die sich der breitesten Schichten
bemächtigt hatte. Die reaktionär-feudale Herrschaft der zwanziger
Jahre, die nur allzusehr an das berüchtigte ancien regime er-
innerte, hatten im Volke einen Grad von Erbitterung reifen
lassen, der bei dem geringsten Anstoß hervorbrechen mußte.
Und diesen Anstoß gaben die Tage der Pariser Julirevolution.
In gewaltiger Welle brandete diese revolutionäre Bewegung nach
Deutschland herüber, hier und da zu gewaltsamen Ausbrüchen
der Volksleidenschaft führend. So war es auch in Leipzig, wo
am 2. September ein Aufstand ausbrach. Aber gerade in diesem
gefährlichen Augenblicke bewährte sich der gesunde Sinn der
Studentenschaft, die von den Behörden zu Hilfe gerufen wurde.
„Die Studenten bewafEneten sich, organisierten sich in Kompag-
') Krug, Leipziger Freuden und Leiden im Jahre 1830, Leipzig 1831,
S. 16.
«) Krug a. a. 0. S. 23.
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— 69 —
nien, denen natürlich ihre Verbindungen zugrunde lagen und
unterstützten als ^akademische Legion' die aus der Bürgerschaft
gebildete Kommunalgarde bei der Wiederherstellung der Ord-
nung".^) Und hier war es die Burschenschaft, die auf Anregung
des Rektors hin die Initiative ergriff.^ Zunächst wurde diese
Unterstützung nur für den 5. und 6. September geboten, aber auf
die dringlichen Aufforderungen hin stellte sich die Studenten-
schaft am 8. September wieder in die Dienste der Behörden»
Allerdings stellten auch sie bei der augenblicklichen Lage
gewisse freiheitliche Forderungen, aber sie taten dies in maß-
voller Form durch die Absendung einer Deputation an den
Königlichen Kommissar Hofrat Dr. Müller. Diese Deputation forderte
Milderung der Paukgesetze, Abschaffung des langen „Sitzens^^
bei Untersuchungen nebst Herabsetzung der Gerichtskosten und
schließlich Unabhängigkeit vom Polizeiamte, „zum wenigsten die
artigste Behandlung". Am 20. September wurde dann von der
Burschenschaft und den Korps ein gemeinsames Bittschreiben
an den König beschlossen, das dieselben Punkte enthielt. Es
wurde darin verlangt: Trennung der Universität von dem Polizei-
amte, Milderung der Duellgesetze, Änderung der Schuldgesetze
und der Gesetze hinsichtlich der Verbindungen sowie Abschaffung
der hohen Gerichtskosten und des langen Karzersitzens. Zur
Sammlung von Unterschriften wurde ein Anschlag am schwarzen
Brett und ein Aufruf im Leipziger „Tageblatt" erlassen. In
seltener Einmütigkeit stand hierin die gesamte Studentenschaft
zusammen, vor allem Burschenschaft und Landsmannschaften.
Diese Einigkeit herrschte auch weiterhin unter den beiden
Parteien, die am 31. Oktober beim Rektoratswechsel einen ge-
meinsamen Festzug und Kommers abhielten.^)
Aber so dankbar auch die Dienste der Studentenschaft
^) BruchmüUer, Der Leipziger Student S. 1291
^ Die Chronik des Korps Saxonia besagt aus dem Jahre 1830:
«... Am Mittwoch den 4. September wurden wir durch eine Deputation
der Burschenschaft ersucht, uns bei Einbruch der Dunkelheit auf dem
Markte zu versammeln . . .*
') Eine ausführliche Schilderung dieser Ereignisse findet sich bei
Andree a. a. 0. S. 61—65.
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empfunden worden waren, sobald die Gefahr vorüber war, setzte
auch die Bedrückung der Barschenschaft wieder ein. Als ein
Jahr nach diesen Ereignissen am 2. Dezember 1831 die Ein-
weihung des neuen Universitätsgebäudes stattfand, wollten die
Chargierten der Burschenschaft in altdeutscher Tracht erscheinen.
Aber dies wurde ihnen verboten, worauf sie am Festzuge nicht
teilnahmen.
IX. Von 1830 bis 1833.
Die politische Fingwelle, die über die Burschenschaft ge-
kommen war und die in der germanistischen Bewegung ihren
schärfsten Ausdruck fand, hatte, wie wir schon oben darstellten,
auch in der Leipziger Burschenschaft Eingang gefunden.
Allerdings scheinen sich hiernach der auf ängHchen germanistischen
Hochflut, wie sie sich in der Konstitution von 1829 darstellt, die Ver-
hältnisse wieder wesentlich geändert zu haben. Zwar blieb die
Burschenschaft in dem germanistischen Verbände und beschickte
auch den Burschentag in Nürnberg durch Wagner und Schil-
bach, aber die allzu scharfe Absonderung und willkürliche Herr-
schaft des engeren Vereins, der in der Begel nur zehn bis zwölf
Mitglieder zählte, erregte große Unzufriedenheit innerhalb der
Burschenschaft selbst. Dazu kam, daß mit der Ausbildung der
aristokratischen Tendenz eine gewisse Mißwirtschaft einriß. Ein
bezeichnendes Beispiel dafür bildet eine Strafsache, die auf dem
Nürnberger Burschentage verhandelt wurde. Die Leipziger
Burschenschaft hatte einen stud. Zeisig wegen angeblichen Ehren-
wortbruches in Verruf gesteckt. Dieser appellierte an den
Burschentag, der das Urteil als ungerecht aufhob und der
Leipziger Burschenschaft einen Büffel erteilte, weil sie „aus
Furcht, ein Mitglied zu verlieren, sich nicht gescheut habe, ein
halbes und ungerechtes Urteil zu fällen^.
Infolgedessen kam es auch bald zu Streitigkeiten innerhalb
der Burschenschaft, die 1830 etwa 30 Mitglieder stark war.
Es bildete sich eine Partei der Jüngeren, die durch eine Änderung
der Organisation der Willkürherrschaft enger Kreise ein Ende
bereiten wollte. Die Seele dieser ßeformbewegung war ein stud.
Friedrich, der aber mit seinen Anhängern in der Minderheit
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blieb und von der Burschenschaft in Verruf getan wurde. Friedrich
appellierte an den Burschentag, der Ostern 1831 zu Dresden
abgehalten wurde. Hier wurde die Angelegenheit der ver-
sitzenden Jenenser Burschenschaft übertragen, die dann die
Leipziger beweg, den Verruf freiwillig zurückzunehmen.
Immerhin war dieser Vorstoß der arministischen Richtung
innerhalb der Leipziger Burschenschaft — denn als solcher ist
diese Bewegung in letzter Beziehung nur zu werten — nicht
ohne Erfolg, insofern er eine Stärkung des arministischen Ge-
dankens in ihren Reihen zur Folge hatte. Wir sehen ja über-
haupt in diesen ganzen Jahren in Leipzig einen fortwährenden
Kampf zwischen den Anhängern des germanistischen und denen
des arministischen Gedankens, woraus sich auch die schwankende,
widerspruchsvolle Haltung der Leipziger Burschenschaft im Ver-
bände erklärt. Die Arministen gewannen nach 1830 sehr an
Boden, so daß sie im Sommer 1831 die Herrschaft in den Händen
hatten. Daraufhin wurde nun im August oder September 1831
die Organisation geändert Vor allem wurde der engere Verein
beseitigt und an dessen Stelle eine Allgemeinheit gesetzt, der
sämtliche Mitglieder angehörten. Als Mittelinstanz zwischen
den Behörden der Burschenschaft und der Allgemeinheit wurde
ein Ausschuß eingesetzt. Für Mitläufer der Burschenschaft
wurde die Einrichtung der Eommentburschen geschaffen, die,
ohne selbst Mitglieder zu sein, an den Veranstaltungen, Kneipen,
Fechtboden teilnehmen durften. Die Allgemeinheit war damals
50 bis 60 Mitglieder stark, während die Kommentburschen den
kleineren Teil ausmachten.
In der „Allgemeinen Teutschen Burschenschaft" war die
Leipziger Burschenschaft in dieser Zeit geblieben. Sie war auch
von den übrigen Mitgliedern vollkommen als germanistisch an-
erkannt und hatte die Beziehungen zu ihnen aufrechterhalten.
So reisten Leipziger Burschenschafter öfters nach Jena und
kneipten dort bei den Germanen, ebenso nach Halle. Hier war
Ende des Jahres 1830 ebenfalls die Spaltung zwischen Germanisten
und Arministen entstanden, und beide Teile sandten Deputierte
nach Leipzig, die die Anerkennung ihrer Partei erbitten sollten*
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Die Leipziger Burschenschaft lehnte es aber ab, eine Entscheidung
zu trefEen, und verwies sie an die Vorsitzende.
Nachdem nun aber 1831 die Statutenrevision erfolgt war.
Änderte sich dieses Verhältnis. Die Leipziger Burschenschaft
hatte den engeren Verein beseitigt, den die Verfassung der all-
gemeinen deutschen Burschenschaft ihren Mitgliedern zur Pflicht
machte, und damit gegen den Verband selbst verstoßen. Kurz
nach dieser Änderung der Konstitution fand Michaelis 1831 der
Burschentag zu Frankfurt statt, der in der Entwicklung der
praktisch-politischen Tendenz des Verbandes eine wichtige Rolle
spielte. Hier wurde unter dem Einflüsse der Radikalen der
Tendenzparagraph in einer Weise abgeändert, die die Burschen-
schaft immer weiter in die Bahnen der revolutionären Bewegung
drängte, die zuletzt in dem Frankfurter Wachensturm vom 3. April
1833 ein so klägliches, tragikomisches Ende fand.
Die Leipziger hatten zu diesem Burschentage ebenfalls einen
Vertreter entsandt, und zwar — wiederum charakteristisch für das
Auf- und Abwogen des Kampfes zwischen Arministen und
Oermanisten innerhalb der Burschenschaft selbst — ein Mitglied
der germanistischen Richtung namens Dreypelker.^) Dieser
schilderte auf dem Burschentage bei der Berichterstattung über
die einzelnen Universitäten den Zustand der Leipziger Burschen-
schaft als nicht günstig. Der Burschentag beschloß denn auch,
daß Leipzig, das als einzige im Verbände stehende Burschen-
schaft den engeren Verein nicht hatte, diesen wieder einführen
solle. Von verschiedenen Rednern wurde die Leipziger Burschen-
schaft „wegen ihrer Hinneigung zur arministischen Richtung"
heftig getadelt.
Diese Angriffe drängten die Leipziger zu einer Entscheidung.
Als Dreypelker von Frankfurt zurückkam, wurden ihm wegen
seines ungünstigen Berichtes schwere Vorwürfe gemacht: der
Ausschuß klagte ihn sogar bei der Allgemeinheit an. Der Be-
schluß des Burschentages auf Wiedereinführung des engeren
^) Die Vertreterliste dieses Burschentages weist folgende weitere Namen
auf. Jena: v. Rochow, Schatz; Marburg: Hofmeister, Koch; Tübingen: Koch,
Jäger; Gießen: Groos; Erlangen: Wolfs; Würzburg: Bockelmann; Kiel:
flansen, Nieß; München: Engelmann, Koemer.
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Vereins wurde in einer Ausschußsitzung, die im November statt-
fand, verworfen und der Austritt aus dem Verbände beschlossen.
Dies wurde auch der Vorsitzenden Tübinger Burschenschaft mit-
geteUt.^)
Mit diesem Beschluß hatte die Leipziger Burschenschaft
eine scharfe Trennung zwischen sich und der radikalen burschen-
schaftlichen Linken gemacht. An der weiteren Entwicklung des
Verbandes bis 1833 hat sie keinen Anteil genommen, was aber
nicht hinderte, daß sie später ebenfalls in diese Verfolgung ver-
wickelt wurde.
In dem studentischen Leben der Leipziger Universität
spielte die Burschenschaft in dieser Zeit die erste Rolle. Sie
war im Herbst 1831 auf über 70 Mitglieder angewachsen, aller-
dings fiel diese Zahl im Laufe des Jahres 1832 wieder auf un-
gefähr 40. Ihr Burschenhaus war 1831 der „Kleine Blumen-
berg", 1832 die „Linde". Man hatte in dem Lokal ein eigenes
Lesezimmer, wo eine Anzahl Zeitungen auslagen: „Hesperus",
„Komet", „Constitutionen",*) „Tribüne", „Eremit", „Allgemeine
Augsburger Zeitung", „Allgemeiner Anzeiger der Teutschen"
werden in den Aussagen erwähnt.^) Auch das öfEentliche Auf-
treten war im großen und ganzen nicht weiter behindert: nach
dem Erlaß einer Verfassung (vom 4. September 1831) hatte auch von
Ende mildere Saiten aufgezogen. So war auch der Burschenschaft
beim Rektoratswechsel am 31. Oktober 1832 von den akademischen
Behörden zunächst sogar ein öffentlicher Umzug mit den burschen-
schaftlichen Farben und Abzeichen gestattet worden. Nur „um
den Wünschen des damaligen Regierungskommissars zu genügen",
leistete man nach einer Verhandlung zwischen dem Sprecher
^) Bericht der preußischen Ministerialkommission an die Bundes-Zentral-
behörde über die Leipziger Burschenschaft vom 14. April 1834 im Kgl. Geh.
Staatsarchiv zu Berlin.
") Damit ist wohl das in Straßbnrg erscheinende Blatt „Das konstitu-
tioneUe Deutschland' gemeint, das am 19. November 1831 vom Bundestag
verboten wurde. Dr. Schneider, Der Preß- oder Vaterlandsverein, Veröffent-
lichungen des Archivs für die deutsche Burschenschaft Heft 4 1896—1897.
Ebenso weiterhin die von Wirth herausgegebene «Deutsche Tribüne'*.
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Wehner und dem Universitätsaktnar Miras von selten der Burschen-
schaft freiwillig Verzicht.^)
Aach das Verhältnis zu den Landsmannschaften war ein
etwas freandlicheres geworden. Man war einander durch die
Ereignisse des Jahres 1830 näher gekommen, und es waren
Bestrebungen im Gange, die auf eine gütliche Regelung des
beiderseitigen Verhältnisses hinzielten. Am 24. Juni 1832 trat der
S. G. an die Burschenschaft heran, um eine Aufhebung des beider-
seitigen Verrufs zu erzielen. Die Burschenschaft sprach ihr
Einverständnis aus, knüpfte aber die Bedingung daran, als
j^präsentantin der Hälfte der Studierenden zu gelten. Dies
schien aber wieder dem S. C. zu hoch. Die Burschenschaft über-
sandte am 4. Juli 1832 an die Eorps ein Schreiben, das ihre Be-
dingungen für ein Satisfaktionsverhältnis enthielt und von dem
Sprecher Wehner unterzeichnet war.
Auf solche Bedingungen gingen nun ihrerseits die Korps
wiederum nicht ein, so daß die Verhandlungen scheiterten. Sie
setzten dann nochmals im Januar 1833 ein, blieben aber auch
diesmal wieder ohne Erfolg, da man in der Frage, wer den Un-
parteiischen zu stellen habe, keine Einigung erzielte.^
Nach dem „praktischen" Burschentag in Frankfurt hatte
sich die radikale Strömung innerhalb der allgemeinen deutschen
Burschenschaft immer mehr zu einer revolutionären verdichtet.
Die Verbindung mit Preßverein oder Vaterlandsverein wurde
fester, und die jungen Geister der Burschenschaft bildeten in
der überhitzten Atmosphäre des politischen Lebens die eifrigsten
Verfechter einer gewaltsamen Lösung der deutschen Frage. Der
Burschentag zu Stuttgart im Jahre 1832 beschäftigte sich mit
der bevorstehenden Volkserhebung und faßte einen Beschluß,
worin es hieß, „daß der Weg der Revolution als der einzige für
jetzt verfolgt werde". Gegen diese Bestrebungen nahmen die
Regierungen Stellung: am 28. Juni 1832 faßte der Bundestag
sechs Ausnahmebeschlüsse gegen Preßfreiheit, Vereinsbildung,
^) Annalen der deutschen und ausländischen Eriminabechtspflege,
Altenburg 1838, Bd. 3 S. 384.
<) S. C. Protokolle des Leipziger S. C. 1824—1856 im Besitz des Korps
Lusatia zu Leipzig.
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Volksversammltuigen und die Veröffentlichang unbequemer Parla-
mentsreden. Dies steigerte natürlich nun wieder die Erbitterung
der anderen Seite, und die Burschenschaft arbeitete einen förm-
lichen Organisationsplan der Revolution aus.
Am 3. April 1833 fand der Frankfurter Wachensturm statt,
ein unternehmen, dem von vornherein der Stempel der Sinn-
und Zwecklosigkeit aufgeprägt war.^) Dieser wahnwitzige Auf-
standsversuch, der schon am Tage vorher den Behörden verraten
war, konnte gar nicht anders auslaufen, als es der Fall war:
mit einem klägh'chen Mißerfolg, dem sogar eine gewisse komische
Note nicht fehlte. Für die Begierungen aber war dies der An-
laß, mit den schärfsten Maßregeln gegen die ganze Bewegung
vorzugehen. So schrieb Ancillon an Maltzahn: „Das Frankfurter
Attentat kann Deutschland retten, wenn man sich beeilt, das
Ereignis auszubeu1»n.^^ Vor allem war es die Burschenschaft, als
die Verbreiterin solcher Ideen, gegen die sich die Maßnahmen
richteten. Es wurde als neue politische Untersuchungsbehörde
die Bundes-Zentralbehörde eingesetzt, die mit schärfster
Strenge vorging und in den nächsten Jahren Hunderte von jungen
Burschenschaftern einkerkerte.
Als in Leipzig die Kunde von dem Frankfurter Attentat
eintraf, war man sich in den Kreisen der Burschenschafter sofort
klar, daß jetzt eine Fortführung der Burschenschaft selbst im
strengsten Geheimnis nicht mehr möglich sei. Auch wegen der
nun mit Sicherheit bevorstehenden neuen peinlichen Unter-
suchungen mußte die Burschenschaft vollständig verschwinden,
und auf Antrag von Joseph löste sie sich daher am 24. April 1833
selbst auf. Alle Papiere und Utensilien wurden verbrannt oder
vernichtet: die Burschenschaft hatte in Leipzig vollständig zu
bestehen aufgehört.
1) Dr. Dietz, Das Frankfurter Attentat, Heidelberg 1906.
^ Treitschke, Deutsche Geschichte des 19. Jahrh. Bd. 4, Teil 4
S. 302 Anm.
Robert Noske, Bornsi-LeipziK, Grofibetrieb für Dissertationsdrack
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Lebenslauf
Ich, Hans Erwin Leonhardt^ bin geboren zn Leipzig am
8. Febmar 1887 als Sohn des Redakteurs Emil Leonhardt nnd
seiner Gemahlin Elise geb. Hoff mann. Nach dem Besuch der
Bürgerschule absolvierte ich 1897—1906 die Thomasschule
(humanistisches Gymnasium) in Leipzig, die ich mit dem Zeugnis
der Reife verließ. Von 1906 bis 1907 genügte ich, während
ich gleichzeitig an der Universität eingeschrieben war, meiner
Militärpflicht als Einjährig -Freiwilliger bei dem Infanterie-
Regiment Nr. 106 in Leipzig. Von 1907 bis 1910 studierte ich
an der Universität Leipzig Geschichte, wo ich hauptsächlich bei
Herrn Professor Dr. Brandenburg arbeitete, daneben Germanistik
und Nationalökonomie. Am 1. Januar 1910 übernahm ich den
Posten des Parteisekretärs der Nationalliberalen Partei des
Reichstagswahlkreises Dortmund-Hoerde, den ich am 1. Februar
1912 mit meiner jetzigen Stellung vertauschte.
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